65 Jahre Stolina

Seminarbericht Workshop-Tag Wonder Man Fred

Workshop-Tag Wonder Man Fred

Er ist bekannt für die oft schrägen und immer englischen Titel seiner zahlreichen Veröffentlichungen. Sein 300-Seiten-Opus »Semi-Mental Journey« kündet ebenso davon wie seine bekannten Publikationen, z. B. »Return to Center«, »United Ringdom« oder »Peekadilly Circus«. Sein Künstlername Wonder Man Fred passt in diese Linie. Erstaunlich, dass sich dahinter ein in Familienrecht promovierter Jurist verbirgt, der mit bürgerlichem Namen Dr. Manfred Höhne heißt. Doch wenn er bei der Erläuterung der Feinheiten einer Routine vor Freude über eine ganz besondere, fast schon geniale Frechheit laut zu glucksen beginnt und gar nicht aufhören möchte, ahnt der Seminarteilnehmer, dass bei Wonder Man Fred alles zueinander passt. Sicherlich hat er der Magie viel mehr gegeben, als ihm das in der Jurisprudenz möglich gewesen wäre.

Acht Routinen, die meisten aus dem Bereich der Mentalmagie, bildeten die Basis des gut besuchten Seminars »More Mysterious and even Stranger«, und es ist bei ihm fast sicher, dass er den üblichen Seminar-Zeitrahmen mit seinen detaillierten Erklärungen gnadenlos überzieht. Die Teilnehmer waren damit sehr zufrieden. Er freute sich über Fragen, ging auf alles ein und wiederholte gern, wenn Unklarheiten bestanden. Man hört mitunter, er sei unnahbar und distanziert. Bei diesem Stolina-Abend war davon jedenfalls nichts zu spüren.

Seine Eröffnungsroutine ist als Warming-up bestens geeignet. Die Teilnehmer schreiben ihre Vor- und Nachnamen auf Zettel, von denen einige von einem Zuschauer ausgewählt und in ein Tuch geworfen werden, aus dem ein anderer Zuschauer wiederum einen Zettel herausnimmt. Alle Zuschauer werden gebeten aufzustehen. Während Wonder Man Fred von einem Blatt Eigenschaften vorliest, setzen sich jeweils die, auf die sie nicht zutreffen. Wenn die Liste zu Ende ist, steht noch eine Person. Jetzt wird von dem Zuschauer der vorher ausgewählte Zettel verlesen. Es ist der Name der stehenden Person, die ihn zu Beginn selbst auf den Zettel geschrieben hat. Wie heißt es so schön? Ein Killer-Effekt. Und noch etwas: Wonder Man Fred setzt (in diesem Fall bis auf ein Teufels-Tuch) keine tricktechnischen Hilfsmittel ein und zeigt dennoch fantastische Effekte.

Eine dieser Routinen mit Top-Effekten war Signed, Sealed, Delivered – and Gone. Benötigt werden nur ein Kartenspiel mit weißen Vorderseiten, drei Filzschreiber und ein Gummiband. Das ist alles. Das mit den Karten zu bastelnde Gimmick ist in Magie 4/2008 beschrieben. Im Kern geht es darum, dass ein Zuschauer eine der mit Kinderzeichnungen versehenen Karten auswählt und beidseitig signiert. Ebenso macht es der Vorführende. Dann tauschen die Zeichnungen, obwohl unterschrieben, ihre Plätze. Dies ist sogar noch steigerungsfähig. Es gibt eine Erweiterung, bei der die bemalten Karten von zwei Zuschauern unterschrieben werden und trotzdem wechseln die Zeichnungen ihre Plätze. Aus Zeitgründen konnte diese Variante nicht vorgeführt werden, aber man war ohnehin magisch KO.

Nebenbei vermittelte Wonder Man Fred Erkenntnisse aus seiner Arbeit. »Machen Sie Ihre Mentalmagie visuell.« Oder: »Wenn man sich mit ganz einfachen Techniken beschäftigt und die begleitenden Kleinigkeiten genau durchdenkt, kann man damit Wunder vollbringen.« Oder: »Man kann aus fast allen Trick-Schwächen mit Kreativität Stärken machen.« Kreativität und Genauigkeit im kleinsten Detail, dies befähigt ihn wohl zu besonderen Ideen und Entwicklungen.

Ein Beispiel, wie dies vor Publikum funktioniert, zeigte er mit der Routine Ram Page, bei der ein Buchtest eine Rolle spielte. Seitenzahl und Zeile wurden durch Addition von dreistelligen Zahlen, die einige Zuschauer auf einen Block schrieben, frei festgelegt. Wie der Vorführende tatsächlich das Additionsergebnis forcierte, ist so brillant einfach, dass einen Moment andächtiges Schweigen herrschte. Die Routine selbst, bei der auch zwei Schiefertafeln (mit Einlage) eine Rolle spielten, bestand aus einer Reihe von Höhepunkten, die Schlag auf Schlag folgten. Das war Mentalmagie vom Feinsten.

Als Seminar-Abschluss zeigte der Vorführende einen hübschen Geldscheintrick, bei dem ein von einem Zuschauer entliehener Geldschein so gefaltet wird, dass er wie zwei Scheine aussieht. Werden die Teile auseinandergezogen, zeigt sich, dass sich der Geldschein durch die Faltung (?) in zwei Geldscheine verwandelt hat.

Interessant ist auch, was Wonder Man Fred über Zauberei im Digitalzeitalter sagte. Während manche die Technik nutzen wollen, weil sie modern ist, setze er auf das Gegenteil. Er sei überzeugt, dass Hilfsmittel wie Magnettafeln oder die Nutzung von Kreide einen neuen Wert bekommen. Deshalb: »Setzen Sie die Tafel ein.«

In die immer wieder aufflammende Diskussion um das Wesen des Mentalmagiers schaltet sich Wonder Man Fred nicht ein. Er geht auf die Bühne und überlässt es den Zuschauern, was sie bei einem Mentalkunststück empfinden.

Fazit: Ein anspruchsvolles und trotz der Dauer kurzweiliges Seminar, auf dem Wonder Man Fred seinem guten Ruf als kreativer Zauberkünstler und Schriftsteller voll gerecht wurde. Es war schön, dabei gewesen zu sein.

Dr. Rolf Mühlmann