65 Jahre Stolina

Seminarbericht Christoph Borer

Christoph BorerOptisch ähnelt Christoph Borer dem Typ des dämonischen Zauberer, den man aus Filmen und Büchern kennt: groß, sehr schlank, mit eindringlichen, dunklen Augen und scharf geschnittenem Profil, die Haare straff gekämmt und zum Pferdeschwanz gebunden. Dieser Eindruck verändert sich sofort, wenn er spricht: Er ist sehr höflich, er hat Witz, eine sprudelnde Fantasie und umfängt die Zuschauer mit viel Charme und seinem angenehmen Schweizer Akzent. Seinen internationalen Ruf erwarb er sich nicht nur mit seinen Auftritten auf allen Kontinenten, sondern auch mit seinen Trick-Kreationen. Seine wunderbare Kartenroutine »Get Sharky« ist z. B. längst zum Klassiker geworden.

Begleitet wurde er von seiner Partnerin Lou, die eine der wenigen bekannten Zauberinnen der Branche ist, aber bei diesem Seminar keinen eigenen Auftritt hatte, sondern assistierte. Das Seminar bei Stolina war sehr gut besucht. Kein Wunder, denn es war das erste nach einer fünfjährigen Seminarpause, die sich der renommierte Zauberkünstler auferlegt hatte. Die Erwartungen waren hoch, und sie wurden keinesfalls enttäuscht. Wenn Christoph Borer nach dieser langen Zeit ab Oktober 2012 in Deutschland wieder auf eine Zirkeltour des MZvD gehen wird, dann kann man nur raten: Leute, geht hin!

Borer zeigte bei Stolina Kunststücke, die er in den letzten Jahren kreiert und erprobt hat, wobei es ihm darauf ankam, die den Routinen zugrunde liegenden Prinzipien zu vermitteln. Ein Zauberkünstler, dies ist auch sein Credo, muss die Effekte immer so gestalten, dass sie zu seiner Persönlichkeit passen, und so präsentierte er zu jedem Zauberkunststück viele Anregungen und Ideen, mit denen das Trickprinzip sehr unterschiedlich umgesetzt werden kann.

Bei dem eingangs gezeigten Out of this World-Effekt setzte er eine wunderbar freche Methode ein, dank derer die Zuschauer einen ganzen Stapel von Erinnerungsstücken Borers richtig und sauber in zwei Päckchen teilten, obwohl sie die Kennzeichen auf der Rückseite nicht sehen konnten. Mit diesem Prinzip können z. B. Urlaubfotos, Zeitschriften, Bücher, DVD, kleine Figuren und viele andere Objekte eingesetzt werden, die von den Zuschauern unbewusst und zu ihrem eigenem Erstaunen in eine perfekte Ordnung gebracht werden.

Christoph Borer und LouWanderung der Fantasie ist ein sehr starker Effekt, der in den Händen eines Zuschauers passiert. Borer sprach über Bücher, erzählte, wie gern er liest und zeigte zwei kürzlich erworbene Exemplare, ein Ratgeberbuch und eines, dessen Titel ihn sofort begeistert hat: Das Geheimnis der Kreativität. Sein Erstaunen war groß, denn es enthielt – so seine Erzählung – bis auf die Seitenzahlen nur leere, also unbedruckte Seiten. Ein Zuschauer nahm nun das Ratgeber-Buch, wählte eine bestimmte Seite und warf in einem Spiel von Vorstellung und Fantasie pantomimisch die Worte der gewählten Seite hinüber in das leere Buch mit dem rätselhaften Titel. Dieses Buch blätterte der Zuschauer anschließend durch und fand in dem leeren Buch genau die Seite bedruckt, die er hatte wandern lassen, und natürlich fehlte sie jetzt in dem Buch, dem sie entnommen wurde. Um dieses Wunder zu vollbringen, hat Borer eine Buchseiten-Force entwickelt, die in Verbindung mit speziellen Büchern die Täuschung perfekt macht. Zahllose Varianten der Routine eröffnen auch denen Zugang, die den Borer-Stil nicht übernehmen können oder wollen.

Der Zahn der Zeit zernagt alles, auch die schönsten und größten Bauwerke. Wie wäre es, wenn man wenigstens eines davon retten könnte? Borer zeigte Fotos berühmter Monumente, ließ einen Zuschauer ein Bauwerk seiner Wahl aussuchen und legte alle Fotos in ein Holzkästchen, das – so Borer – tatsächlich eine Zeit-Maschine ist. Sekunden später waren Tausende von Jahren vergangen. Wirklich, beim Öffnen wurden zerbröselte Fotos mit den Gebäuden sichtbar, von der Zeit zerstört. Nur eines hatte stabil und fest überlebt, natürlich das vom Zuschauer gewählte.

Heiterkeit breitete sich aus, als Christoph Borer auf den Alterungsprozess der Fotos einging, bei dem ein Bad in schwarzem Tee und ein Backvorgang in Olivenöl eine Rolle spielten. Einige ahnten, dass die Verwandlung der Fotos auch der Erfindungsgabe Borers im mechanischen Bereich zu verdanken ist. Dieses Rätsel und seine Lösung waren auch das zentrale Thema in der Pause, in der sich alle auf die Zeit-Maschine stürzten. Mit seiner genialen Erfindung, die er auch für die Fotolinsen der Teilnehmer offenlegte, zeigt sich Christoph Borer einem Genie wie Tommy Wonder vergleichbar, der ja einige raffinierte technische Lösungen in die Zauberei eingebracht hat. Sollte dieser Prototyp Borers so in Serie gehen, müsste das Kästchen ein Verkaufsschlager in der Zauberszene werden. Obwohl das Trickprinzip in ganz anderer Form bereits existiert, eröffnet seine Lösung eine neue Anwendungsbreite oder, wie der Seminartitel sagt: Endlose Möglichkeiten.

Bei dem nächsten Kunststück, Toro, blitzte die Spielfreude auf, die Lou und Christoph Borer bei ihren Routinen kennzeichnet. Lou präsentierte eine Schiefertafel, auf die sie – dank ihrer Voraussage-Gabe – einen Begriff schrieb. Christoph zeigte nun schön gestaltete Karten mit Tierkreiszeichen vor, von denen ein Zuschauer eines auswählte: Krebs. Lou drehte dramatisch ihre Tafel um: Krebs. Christoph, völlig begeistert, wollte das Kunststück wiederholen. Lou zeigte sich dagegen genervt. Aber Christoph ließ sich nicht stoppen. Ein Zuschauer wählte erneut eine Karte aus: Stier. Christoph wies auf Lou, überzeugt, dass sie wieder die richtige Voraussage auf der Tafel hat. Doch dort stand, mürrisch präsentiert: Krebs. Ein hübscher Dialog folgte. »Hast Du nicht gewusst, dass er das Stier-Zeichen wählt?« »Doch. Aber einen Trick zu wiederholen, ist langweilig.« »Und wie stehen wir jetzt da? Keine Begeisterung, kein Applaus.« Seufzend wischte Lou mit einem Schwamm das Wort Krebs auf der Tafel weg. Plötzlich stand darauf: Stier. Der Applaus war groß. Dem Seminarthema folgend, wies Borer dann auf zahlreiche, sehr unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten hin, die mit diesem besonderen Kunststück realisiert werden können, das zwei Trickprinzipien auf höchst kreative Weise miteinander verbindet.

Christoph BorerZu den starken Kunststücken Christoph Borers gehört zweifellos Mein Buchtest. Zwei Zuschauer erhielten jeweils ein Buch. Daraus sollte der erste irgendein Hauptwort, ein Nomen, wählen. Christoph Borer näherte sich dem Wort, zögerte, dann war er sicher. Es geht um die Zeit, um die Stunde, sagte er. Bei den Seminarteilnehmern breitete sich Verblüffung aus. Dann sollte der zweite Zuschauer irgendein beliebiges Wort aus dem Buch festhalten. Borer geriet in Aufregung und nannte fast sofort das komplizierte Wort, das sprachlos machte. Buchtests gibt es viele, aber dieser ist außergewöhnlich.

Seine Vorführungen und Erläuterungen im Seminar zeigten, dass Borer ein Perfektionist ist, der in seine Trickkreationen nicht nur seine Imagination, sondern auch größte Arbeit und finanziellen Aufwand steckt. Was auf der Bühne leicht, fast improvisiert daherkommt, ist Ergebnis komplexer Überlegungen und langer und perfekter Vorbereitung. Es war ein Vergnügen und eine besondere Lehrstunde, Christoph Borer agieren zu sehen. Bis zu seinem nächsten Kommen sollte er sich nicht fünf Jahre Zeit nehmen.

Dr. Rolf Mühlmann