65 Jahre Stolina

Seminarbericht Pit Hartling

Pit Hartling

Am 21. September hielt Pit Hartling, Mitglied der kreativen Gruppe "Die Fertigen Finger", sein "kleines grünes Seminar" ab. Für etwas Verwirrung sorgte im Vorfeld die kurzfristige Nachricht, dass statt der zwei geplanten Termine nur einer stattfand. Der Grund hierfür war schnell gefunden: Pit war für viele Seminare in den umliegenden Ortszirkeln engagiert worden; wer zu diesen Zirkeln gehörte, schaute sich den "kleinen grünen Mann" natürlich "zu Hause" an. So entstand in Oelde ein zwar kleiner, aber dadurch auch sehr gemütlicher Kreis von Interessierten, die gespannt auf das warteten, was der Meister denn so zeigen würde. Es sei vorausgeschickt, dass es sich um ein sehr informatives und unterhaltsames Seminar handelte, das entgegen meiner Erwartung auch und gerade den Nicht-Kartenfreak ansprach. Es dürfte bekannt sein, dass Pit Hartling in der Welt der Kartenkunst eine Größe ist. Aber gerade deswegen verliert er den Effekt nie aus den Augen und ersetzt, wenn möglich, schwierige Griffe durch raffinierte Manöver.

Los ging es mit "Robin Hood": zunächst wurden die vier Asse auf sehr visuelle Art produziert. Die Asse wurden sorgfältig mit einem Gummiband verschnürt und in die Kartenschachtel gegeben, die auf gleiche Art "eingepackt" wurde. Dann zog ein Zuschauer drei Karten, die dann wieder ins Spiel gegeben wurden. Mit einem improvisierten Bogen schoss Pit die drei Karten (bzw. "Pfeile") nacheinander unsichtbar in die Kartenschachtel zu den vier Assen (daher der Name des Kunststücks). Die drei Karten waren daraufhin nicht mehr im Spiel, sondern wurden tatsächlich von den vier Assen "eingefangen". Ein tolles Kartenkunststück, das sich sehr gut für Stand-Up-Bedingungen eignet und eine der technikärmsten mir bekannten "Collectors"-Varianten darstellt. Für zusätzlichen Spaß sorgt die Einbeziehung eines Zuschauers, der für die nötigen Hintergrundgeräusche zuständig ist.

Weiter ging es mit "Defekt", einer verrückten Effektfolge unter Einbeziehung dreier Zuschauer, die jeweils eine Karte ziehen. Unter Zuhilfenahme des "elektronischen Kartenspiels" steigt zunächst die Karte des ersten Zuschauers "magisch" aus dem Spiel. Die zweite Karte steigt ebenfalls aus dem Spiel, aber es handelt sich um eine falsche Karte. Hier bestach Pit durch sein ausgezeichnetes schauspielerisches Talent - wohl jeder im Raum war der festen Überzeugung, dass tatsächlich etwas schiefgelaufen war. Dem war allerdings nicht so: noch "magischer" als zuvor verwandelte sich die falsche in die richtige, vom zweiten Zuschauer gezogene Karte. Bei der dritten Karte schien das technische Wunderwerk allerdings komplett zu versagen - nichts tat sich. Kein Wunder - baumelte doch ein kleines Schildchen mit der Aufschrift "DEFEKT" aus dem Spiel. Das Schildchen wurde herausgezogen, und daran war eine wirklich defekte (verformte) Karte geknotet. Um welche Karte es sich dabei handelte, dürfte der geneigte Leser bereits ahnen... In diesem Kunststück verwirklicht Pit (auf gewohnt unterhaltsame Weise) die Theorie von Juan Tamariz, möglichst viele verschiedene Emotionen in einer Routine zu vereinigen.
Das letzte Kunststück vor der Pause war "Feurio". Unter unmöglichsten Bedingungen findet der Vorführende zwei gezogene Karten. Dabei ist die Ausführung dieses Wunders praktisch technikfrei. Kaum zu glauben, wenn man diesen Effekt gesehen hat! Wirklich genial ist, wie Pit durch einen raffiniert ausgeklügelten und dennoch mit Leichtigkeit präsentierten Vortrag die Zuschauer gedanklich in eine Sackgasse führt, aus der es kein Entrinnen gibt.

In der Pause wechselten bereits die ersten Seminarhefte den Besitzer (wer weiß, wie schnell die weg sind?...), und Pit stand geduldig für alle Fragen zur Verfügung. Dann begann die zweite Halbzeit.
Den Auftakt bildete "Triathlon", ein Kunststück, das seinen Namen durchaus verdient, denn es gibt für den Vorführenden dabei einiges zu memorisieren. Für mich war dieses Kunststück eines der stärksten Kartenroutinen, die ich je gesehen habe. Aber wiederum beruhte der Effekt nicht auf Fingerfertigkeit, sondern auf einer gehörigen Portion Psychologie und eben einer Menge "Gehirn-Jogging". Der Effekt hört sich unglaublich an, und, glauben Sie mir, ebenso sieht er auch aus: der erste Zuschauer merkt sich durch Abrauschen eine Karte (keine bekannte Peek-Methode!), der zweite Zuschauer denkt (!) sich eine Karte, und der dritte Zuschauer schließlich kennt seine Karte nicht einmal - er zieht hinter seinem Rücken irgendeine Karte und setzt sich drauf, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Zwischendurch wird das Spiel von den Zuschauern immer wieder gemischt. Zu diesem Zeitpunkt schüttelten bereits alle Anwesenden (zumindest innerlich) mit dem Kopf, denn, jetzt mal ehrlich: Wie soll man als Vorführender nach so viel Fairness auch nur ansatzweise eine Chance haben? Pit Hartling hatte eine - und er nutzte sie! Mit ungläubigem Staunen (und wahrscheinlich offenem Mund) musste ich mit ansehen, wie dieser Mann mein Weltbild ins Wanken brachte. So stark war dieser Effekt, dass ich es fast bedaure, das Geheimnis zu kennen ...

Zum Abschluss des fast zweistündigen Seminars zelebrierte Pit "Amor" - das wahrscheinlich romantischste Kartenkunststück der Welt ... Da sich unter den Seminarteilnehmern keine Dame befand, erklärte sich die Tochter Robert Fislages freundlicherweise bereit, an diesem Abschlusseffekt mitzuwirken. Und spätestens jetzt offenbarte sich der Vorteil eines kleinen Publikums: man konnte viel besser zusammenrücken, um in gemütlicher Atmosphäre dieses letzte Kunststück zu genießen. Das Thema ist fürwahr romantisch: Der Joker spielt die Rolle des "Amor", der bekanntlich die Menschen zusammenbringt. Nach einem "romantischen" Mischen wird die Hälfte des Spiels beiseite gelegt. Aus dem Restspiel wird eine Karte gezogen, die durch die Kraft Amors ihre "Partner-"(=Zwillings-)Karte findet. So geht es in stetiger Steigerung weiter, bis schließlich der ganze Tisch voll von "verliebten Pärchen" ist (O-Ton Pit Hartling: "Gruppenhex").

Pit Hartling hat es geschafft, ein tolles und abwechslungsreiches Seminar zusammenzustellen, auch wenn es sich bei den Kunststücken ausschließlich um Kartenkunststücke handelte. Zudem ist Pit ein sehr sympathischer Mensch, der nicht nur ein ausgezeichneter Seminarist ist, sondern es auch versteht, durch seinen ausgeprägten Humor und seine natürliche Art dafür zu sorgen, dass man sich gerne an ihn und seine Kunststücke erinnert.

Frank Ollermann