65 Jahre Stolina

Seminarbericht Michel & Greco

Michel & Greco

Mit leichter Verspätung begann das Seminar von und mit Michael und Greco, den beiden Inhabern der bekannten und renommierten Firma Vernet, die vor allem durch ihre hervorragenden Daumenspitzen bekannt ist. Während Michel die Möglichkeiten der »Unsichtbaren Hand«, eines genialen Holdouts, vorführte und erklärte, bezauberte Greco die Anwesenden mit seiner gekonnten Handschattenvorführung – aber dazu später mehr!

Das Seminar begann mit der Effektfolge »The Silk Story«: Der Vorführende lässt mehrfach ein großes Tuch in der Hand verschwinden. Das überzeugende Verschwinden ergibt zusammen mit der gefälligen Story einen schönen Eröffnungstrick für so ziemlich jedes Stand-Up-Programm.

Es folgte ein Effekt mit einem Golfball, der in einer Papiertüte erscheint, um dann die tollsten Kapriolen zu schlagen: Mal verschwindet der Ball mitten in der Luft, nur um kurz darauf wieder zu erscheinen. Ein Effekt, bei dem Michel die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Illusion gekonnt verwischt.

»The I. H. Rising Card« ist ein Kartensteiger, der sehr überzeugend sogar mit einem ausgeliehenen Kartenspiel vorgeführt werden kann.

»Neff Rope Trick Super Plus« ist eine äußerst überzeugende Variante des Seilzerschneidens. Wie der Name schon sagt, handelt es sich um eine Variante einer Routine von Bill Neff. Während dieser nur als Eröffnungstrick gebracht werden kann, lässt sich diese Variante, die ihren Namenszusatz »Super Plus« übrigens völlig zu Recht trägt, jederzeit im Verlauf eines Programms vorführen. Und an visueller Wirkung lässt der Effekt wahrhaftig nichts zu wünschen übrig.

Die aus meiner Sicht überzeugendste Anwendung der unsichtbaren Hand findet bei »The Newspaper Test« statt: Ein Zuschauer wählt aus mehreren Zeitungen eine aus und entimmt dieser nach freier Wahl eine Seite. Diese wird in viele kleine Schnipsel zerrissen, die dann in einen durchsichtigen Beutel gegeben werden. Aus diesen vielen Schnipsel wird nach freier Wahl ein Schnipsel bestimmt. Von diesem Schnipsel wählt die Zuschauerin ein Wort, und genau dieses Wort ermittelt der Vorführende nun mittels Telepathie. Besonders überzeugend bei dieser Variante ist der Umstand, dass der Beutel zu Beginn eindeutig leer gezeigt werden kann.

Der letzte Programmpunkt vor der Pause war eine beeindruckende Vorstellung von Greco, der uns ein Schattenspiel der besonderen Art präsentierte: Fast ohne jegliche Hilfsmittel, sondern praktisch nur mit seinen Händen formte er die verschiedensten Figuren – von Wölfen über Kaninchen bis hin zu berühmten Persönlichkeiten wie Fidel Castro oder Papst Johannes Paul II. Dabei beließ Greco es nicht dabei, diese Figuren einfach nur zu formen, sondern er führte uns mit ihnen auch kleine, mitunter äußerst unterhaltsame Szenen vor. Viele saßen mit (nicht nur sprichwörtlich) offenem Mund da und staunten. Eine sehr magische und stimmungsvolle Präsentation dieser leider viel zu selten vorgeführten Kunst.

Nachdem sich alle ordentlich gestärkt hatten (ein anonymer Spender hatte eine beachtliche Menge an Schnittchen beigesteuert), ging es nach der Pause weiter, unter anderem mit einer lustigen Routine, bei der ein Tuch vom Vorführenden scheinbar hypnotisiert wurde, so dass es scheinbar erstarrte und senkrecht in der Luft stand. Beim Zuschauer funktionierte das natürlich nicht, und auch ein Austauschen der beiden Tücher brachte keine Besserung …

Auch einen Kartentrick kann man mit der »unsichtbaren Hand« aufpeppen: Eine Karte wird gewählt und ins Spiel zurückgegeben. Der Vorführende benutzt nun eine Glühbirne als eine Art Detektor, um mit ihr die gewählte Karte wiederzufinden. Jedes Mal, wenn die Glühbirne in die Nähe der Karte kommt, beginnt sie zu leuchten! Mit Hilfe der unsichtbaren Hand können die Hände immer wieder leer vorgezeigt werden, was die Handhabung im Vergleich zu anderen Versionen äußerst überzeugend macht.

Mit speziellen Symbolkarten zeigte Michel uns zwei vom Schema des Seminars ein wenig abweichende Effekte. Bei ihnen kam die »unsichtbare Hand« nämlich ausnahmsweise mal nicht zum einsatz. Beim ersten dieser beiden Effekte ermittelte er eine vom Zuschauer nur gedachte Karte. Was sich hier so trocken liest, war aufgrund der sauberen Konstruktion der Routine ein sehr überzeugender Effekt, für den es aus Sicht der Zuschauer keine Erklärung gibt. Der zweite Effekt war eine äußerst saubere Force, die durch ein speziell präpariertes Kartenspiel ermöglicht wurde. Das Spiel kann aufgefächert und sogar vom Zuschauer gemischt werden. Wenn der Zuschauer jedoch eine Karte aus dem Spiel »wählt«, ist diese forciert.

Ein besonders visueller Effekt sei noch genannt: »The astonishing vanish«. Eine Zuschauerin legt eine Münze auf ihre ausgestreckte Hand. Der Vorführende kündigt nun an, dass er die Münze verschwinden lassen wolle. Um dieses Vorhaben noch weiter zu erschweren, kommt über die Münze noch ein Tuch. Der Vorführende konzentriert sich kurz … – und plötzlich verschwindet nicht nur die Münze, sondern auch das Tuch!

Wer bei diesem Seminar dabei war, kann sich glücklich schätzen, denn Michel und Greco sind ausgewiesene Experten, was Holdouts allgemein sowie die »unsichtbare Hand« speziell angeht. Selbst wer glaubte, solch ein Hilfsmittel wäre nichts für ihn, dürfte es nach diesem Seminar zumindest einmal ausprobiert haben. Und wer weiß: Vielleicht ist es für den einen oder anderen ja sogar das Ei des Kolumbus. Wie dem auch sei: Die beiden Argentinier lieferten ein blitzsauberes Seminar mit beeindruckenden Effekten ab. Dabei merkte man den beiden deutlich an, dass sie sich unsterblich in die Kunst der freundlichen Täuschung verliebt haben. Besonders Michel legte eine Fröhlichkeit und ein Temperament an den Tag, wie man es sonst fast nur von Roberto Benigni kennt. Und so gingen um die 30 beeindruckte bis beseelte Zauberfreunde auseinander, im Bewusstsein, etwas erlebt zu haben, was sie so schnell wohl nicht wieder erleben werden.

Frank Ollermann