65 Jahre Stolina

Seminarbericht Michael Ammar

Michael Ammar

Am 16. November war es dann soweit und wir folgten der Einladung Robert Fislages zum Michael-Ammar-Seminar in Oelde. Zu dieser Zeit waren wir selbst auf Seminartour, und der Termin passte genau in unseren Reiseplan.

Ich kenne Michael nun schon seit den frühen 80er Jahren, und im Laufe der Jahre haben wir uns immer mal wieder auf Kongressen getroffen. So war ich also gespannt, ihn nach langer Zeit wieder einmal persönlich arbeiten zu sehen. Fazit: ein rundum gelungenes Seminar, bei dem mehr gezeigt und vermittelt wurde, als die meisten von uns wahrscheinlich einsetzen bzw. verwerten können. Man sah deutlich, warum er zu den besten Zauberlehrern weltweit zählt. Und er zählt auch zu Robert Fislages Freunden, denn sein Seminar war nicht das erste im Hause Fislage...

Die Eröffnung war eine Abhandlung mit sehr verblüffenden Effekten zu der sog. »Albo Card«. Dies ist eine professionell von der Firma USPC gedruckte Trickkarte, die einige sehr täuschende Effekte mit einer abgerissenen Ecke ermöglicht. Michaels Gedankengut und das seiner amerikanischen Freunde ist erstaunlich, und ich bin sicher, dass er mit diesen Effekten nicht nur einen der Seminarteilnehmer vollkommen getäuscht hat. Er zeigte auch eine Variante des Effekts ohne Trickkarte, und die hat mir persönlich sehr gut gefallen. Von der Albo Card ging es nahtlos zu einem Gag über, der sehr lustig ist und den ich nicht verraten möchte, denn ich bin sicher, viele Zauberer werden das jetzt bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten einsetzen.

Wer das Kümmelblättchen liebt, sollte heutzutage nach zwei Versionen Ausschau halten: die von Wolfgang Moser und die von Mike Ammar. Er zeigte uns seine Version des »Ultimate 3 Card Monte«, und man konnte sehen, dass er das sicherlich tausende Male gezeigt haben muss. Alles sitzt, keine unnötigen Bewegungen und ein kristallklarer Effekt, mit einem überzeugenden Abschluss, bei dem sogar eine Ecke der »Geldkarte« geknickt wird. Als ich die Routine wieder einmal sah (das letzte Mal zeigte mir Wolfgang Moser in Wien seine Handhabung), fragte ich mich ehrlich, warum ich immer noch die alte Routine mit Normalkarten vorführe, wenn es mit der Trickkarte derart überzeugend und vor allem einfach geht...

Dass die Amerikaner geschäftstüchtig sind, ist kein Geheimnis. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sie sich mit den für Geschäfte wichtigen Dingen auseinandersetzen und mit diesen Effekte kreieren: Visitenkarten und Handy. Michael zeigte uns zu beiden Themen die verschiedensten Effekte. Visitenkarten verwandelten sich zu Geldscheinen, wurden bedruckt und krochen wie von Geisterhand bewegt von selbst aus dem Visitenkartenmäppchen. Ideal, wenn man bei einer Party zaubert und seine Daten an den Mann/an die Frau bringen will. Schön auch, dass ale Effekte, die er zeigte, unaufdringlich, aber dennoch verblüffend sind.

Wer noch nicht wusste, was man mit einem normalen (!) iPhone so alles anstellen kann, der weiß es nun. Michael zeigte ein paar Ideen, die wirklich verblüffend sind. Schon die Eröffnung ließ vielen den Kiefer nach unten klappen. Michael produzierte ein iPhone aus einem leeren Briefkuvert, welches vorher klein zusammengefaltet war. Der eigentliche Steal war absolut nicht wahrzunehmen! Danach folgten noch einige sehr visuelle Effekte und Gags mit einem iPhone, u. a. brach scheinbar das Display und wurde magisch repariert, Fotos von Münzen im iPhone wurden sichtbar aus dem Display gepflückt. Ich denke, dass diese Art der Zauberei in der Zukunft einen immer höheren Stellenwert erhalten wird. Man muss eben mit der Zeit gehen, und das ist Michael Ammar mit diesen Kreationen sehr gut geglückt, was man auch an den Reaktionen der Seminarteilnehmer feststellen konnte.

In einem Ammar Seminar darf natürlich eine Routine nicht fehlen, die fast schon zu Michaels Markenzeichen geworden ist: Die Münzen durch durchsichtiges (!) Tuch Routine. Drei Dollarmünzen durchdringen sichtbar (und ich meine SICHTBAR) ein unpräpariertes Seidentuch, die letzte sogar in der Hand des Zuschauers. Ein Klasse-Effekt, der sehr gut für TV geeignet ist mit einer über Jahre hinweg verfeinerten Handhabung, die nichts zu wünschen übrig lässt.

Nach der Pause ging es gleich weiter mit einem Ammar-Klassiker: dem Topit. Was wäre Mike Ammar ohne das Topit, bzw. das Topit ohne ihn? Michael zeigte uns die Grundlagen, welche Bewegungen wichtig sind und vor allem, wie der Umgang mit diesem genialen Hilfsmittel wirklich auszusehen hat. Ein Topit-Crashkurs in wenigen Minuten sozusagen. Schön auch, dass er professionelle Schnittmuster zum Verkaufen hatte, so ist jeder in der Lage, sich ein professionelles Topit in sein Jackett einnähen zu lassen.

Es folgte seine »neue« Becherspielroutine, bei der der Zuschauer die Becher bewegt und sozusagen die Routine ausführt. In meinen Augen ein durchaus interessanter Ansatz, wobei (und das sagte Michael auch selbst) die Routine noch nicht ganz ausgereift ist. Es flossen Gedanken und Elemente von Tommy Wonder, Al Schneider und einigen anderen mit ein. Also ein ideales Feld für Verbesserungen und Zauberer, die sich mit einem ziemlich ausgefallenen Becherspielkonzept einen Namen machen wollen. Ich für mich bleibe aber bei meiner »Ollen-Kamellen«-Routine...

Auch die Party- und Bühnenzauberer kamen nicht zu kurz, denn jetzt wurde der Effekt »Karte in Ballon« zerpflückt. Michael zeigte seine kommerzielle Variante dieses Effekts, die für einen Profi ideal ist. Viel einfacher als die ursprüngliche Version von Derek Dingle. Vor allem die Kartenkontrolle, die Michael dabei verwendete, war sehr täuschend, und ich sah einige komplett verblüffte Gesichter...

Was mir vollkommen neu war in dieser Form, war die Präsentation verschiedener Tricks und Tipps mit seinem Macbook, welche jetzt folgte. Michael zeigte diverse Tricks, die er zu Hause aufgenommen hatte, als Film. Ich hatte ja das Glück, in der ersten Reihe zu sitzen, und so konnte ich den größten Teil des Gezeigten auch gut erkennen – wobei ich bezweifle, dass die weiter hinten sitzenden Zauberfreunde alles erkennen konnten. Ich sehe ja ein, dass es praktisch beim Reisen ist, weil man keine Requisiten (außer dem Laptop) mitnehmen muss, ob das aber die Zukunft der Zauberseminare ist, bezweifle ich. Meiner Meinung nach gehören Tricks in einem Seminar live vorgeführt, denn deswegen geht man ja auch hin. Aber vielleicht bin ich da ein viel zu klassischer Seminarleiter. Es waren gut an die 15 Tricks, die er auf diese Weise erklärte (und von denen er einige auch live vorführte): Tuch durch Stuhllehne (mit dem Reel), ein Blackart Glass für Produktionen, einen lustigen Gag mit dem Bühnenvorhang, Tipps zu einer Taschenladung, ein sehr täuschendes Seidentuchzerschneiden, ein Glasverschwinden unter einem Tuch und natürlich seinen neuen Verkaufstrick »The little Hand«. Gerade diese kam bei den Zauberfreunden sehr gut an: In den Händen des Vorführenden manifestiert sich eine Puppenhand, die eine Münze verschwinden lässt. Ein herrlicher Sight Gag!

Bemerkenswert auch die amerikanische »Package-Deal«-Strategie. Michael brachte diverse Tricks mit, die man käuflich erwerben konnte: farbig gedruckte Lecture Notes, eine Seminar-DVD, die Albo Card, das Topit-Schnittmuster, eine Mini-Himberwallet, seine Icebreaker-DVD (mit der Kümmelblättchen-Routine), das Tuch für »Münzen durchs Tuch« und seine »Little Hand«. Das alles gab es im Package für nur 70 EUR zu erwerben. Klar, dass bei so einem Angebot die Geldbörsen gezückt wurden.

Besonders positiv fiel mir die perfekte Übersetzung von Frank Ollermann auf: Es schien, als ob er selbst das Seminar hielt. Hut ab – ich habe selten solch eine perfekte Simultanübersetzung erlebt!

Ich selbst bin bei einem Seminar ja nicht unbedingt auf »neue« Tricks aus, mir gefällt es, wenn ich Kleinigkeiten und Feinheiten aus einem Seminar zu bekanten Tricks und Routinen mitnehmen kann. Und genau das erfolgte bei diesem Weltklasse-Seminar. Ich habe sehr viel für mich mitnehmen können und bedanke mich bei Maria und Robert Fislage für die Einladung und Möglichkeit, diesen Top-Zauberer wieder einmal erlebt zu haben! Mein Notizbuch ist wieder gefüllt mit vielen praktischen Ideen und Tipps.

Alexander de Cova