65 Jahre Stolina

Seminarbericht Michael Ammar

Michael Ammar

Am 25. und 26. Mai war es endlich wieder so weit: Michael Ammar besuchte nach vier Jahren das schöne Westfalen, um für zwei Tage jeweils ein Seminar und – das war neu – einen Workshop zu geben. Nachdem ein Stau für eine kurze Verzögerung sorgte, erschienen Michael und Hannah Ammar gut gelaunt bei Stolina-Magie in Oelde. Und schon nach wenigen Minuten stand er dort vor uns auf der kleinen Seminarbühne und begrüßte uns auf freundliche und sympathische Art. Dabei sprach er unmissverständlich darüber, warum die Klassiker für gute Zauberkunst so unerlässlich sind. Denn beherrscht man einmal die tief liegenden Prinzipien dieser klassischen Routinen und hat man ihre grundlegenden Erkenntnisse verstanden und verinnerlicht, dann besitzt man das Wissen für erstklassige Zauberkunst. Und dieses wertvolle Wissen lässt sich für die eigene Zauberei, egal welchen Weg man gehen möchte, sehr ergiebig nutzen.

Nach einer sehr sauberen Flaschenproduktion zeigte Michael eine seiner »Münze in Flasche«-Varianten. Als er anschließend sehr verständlich und detailliert diese Routine erklärt hatte, sprach er auch über die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten des Topits. Diese demonstrierte er beeindruckend anhand verschiedener Effekte. Er versuchte damit zu zeigen, welches geniale Werkzeug ein Topit sein kann, wenn man sich damit richtig auseinandersetzt, darüber richtig nachdenkt und damit im Kopf kreativ arbeitet (und natürlich übt!).

Viele kennen Michael Ammar's Floating Bill. Sei es von den »Classic Renditions«- oder »Live at the Magic Castle«-Videos. Doch wenn man es erst einmal von ihm persönlich aus zwei Metern Entfernung, sozusagen unter der eigenen Nase, vorgeführt sieht, lernt man diese Routine noch mehr zu schätzen. Sehr witzig und unterhaltsam erzählte uns Michael, welche Pannen dabei passieren können und ihm auch schon während einer TV-Produktion passiert sind. Die Art wie solch ein Könner über »unser« Schreckgespenst Panne spricht, war mehr als beeindruckend und lehrreich.

Es folgte J.C. Wagner's Super-Closer, eine der Kartenroutinen, bei welcher der Zuschauer eigentlich alles selbst macht. Zum Schluss findet der Zuschauer die von ihm selbst zuvor produzierten vier Asse, die zwischendurch unauffindbar im Spiel verloren waren, auf verblüffende Art und Weise selbst wieder.

Ein absoluter Höhepunkt des Seminars war natürlich das Becherspiel. Jeder Zauberkünstler, der sich ernsthaft mit diesem Klassiker auseinandersetzt, besitzt wahrscheinlich sein Cups-and-Balls-Buch, oder vielleicht seine Videobänder dazu. Als »aufmerksamer« Seminarteilnehmer konnte man nämlich feststellen, dass sich seine eigene Routine, die er im Buch beschreibt, von derjenigen, die er jetzt vorführt, in kleinen, aber interessanten Details unterscheidet. Michael Ammar erklärte dies auch. Um seine »Cups and Balls« noch »more streamlined« zu gestalten, arbeitete er jeden einzelnen Effekt der Routine für den Zuschauer noch klarer und direkter aus. Warum macht das Michael Ammar, dessen Name ein Synonym für erstklassige Zauberkunst ist? Denkt man über diesen Punkt genauer nach, so versteht man, was er einem damit zeigen will. Ein weiteres Beispiel: Die Verschwindemethoden eines Balls mit Hilfe des Zauberstabs (Through the Fist Vanish, Vernon Wand Spin Vanish, Williamson Striking Vanish) folgen in seiner Routine einer klaren Effektsteigerung. Aus diesem Grund ist der Vernon Wand Spin Vanish an zweiter, und nicht an dritter Stelle in dieser Sequenz. Denn das Verschwinden des Balls mittels Striking Vanish ist für den Zuschauer am visuellsten. Und wenn man dann erfährt, dass Lance Burton, mit dem Michael Ammar dessen Becherspiel-Routine ausarbeitete, genau die selben Fragen oder Gedanken dazu hatte wie wir auch, dann ist das schon sehr interessant und aufschlussreich!

Vor der Pause sahen wir – neben verschiedenen Effekten für das Überreichen von Visitenkarten – »Xerox Card«, ein einfaches, aber starkes Kartenkunststück, bei dem eine vom Zuschauer gewählte Karte später auf einer Fotokopie erscheint.

Dann gab es eine etwa 20-minütige Pause, in der wir uns alle mittels Schnittchen, Kaffee oder diversen anderen Getränken stärkten. Sehr sympathisch dabei war, dass sich Michael nicht zurückzog, sondern immer in der Gruppe blieb und so für jedermann stets ansprechbar war.

Mit »The Difference between Gambling and Magic« ging es dann wieder weiter. Es handelt sich dabei um eine Chop-Cup-ähnliche Routine mit einer kleinen Würstchendose, die, wie sich zum Schluss herausstellt, noch völlig verschlossen ist. Auch hier schenkte Michael Ammar, genauso wie bei allen zuvor gezeigten Routinen, seine größte Aufmerksamkeit der richtigen Routinenplanung und der Psychologie des Zuschauers.

So verging die Zeit wie im Fluge, denn nachdem er seine Variante des Klassikers »Tuch zu Ei« gezeigt und detailliert erläutert sowie sämtliche Fragen beantwortet hatte, ging nach gut drei Stunden (!) ein wirklich erstklassiges Super-Seminar zu Ende. (Wenn man einmal ein exakt 60-minütiges Seminar eines deutschen Topkünstlers erlebt hat, weiß man das noch mehr zu schätzen!)

Doch etwas später ging es auch schon mit dem Workshop los! Ich nehme mal an, dass so wie ich die meisten Teilnehmer dieses Workshops sehr gespannt und vielleicht auch ein bisschen aufgeregt waren, was jetzt wohl so passieren würde. Der geneigte Leser wird es schon ahnen: ja, es war Spitze!

Nachdem man gemeinsam festgelegt hatte, was man denn jetzt abhandeln möchte (wobei aus Zeitproblemen längst nicht alles berücksichtigt werden konnte), erarbeitete Michael mit uns gemeinsam eine Kartenroutine, die mit einem starken Reverse-Effekt endet. (Dabei zeigte sich Robert Fislage sehr spendabel, und schenkte jedem von uns ein nigelnagelneues Bicycle-Spiel.) Als Michael bemerkte, dass ein Teilnehmer, der wenig Erfahrung mit Karten hatte, beim Halten eines Spaltes Schwierigkeiten bekam, zeigte er diesem eine völlig grifflose Variante.

Dann arbeiteten wir sehr ausführlich das Thema Gummibänder durch. Ich denke, dass sich einige der Gruppe schon mehr oder weniger mit diesem Thema beschäftigt hatten. Doch wenn es dir persönlich Michael Ammar ganz genau zeigt, es mir dir zusammen übt, mit unendlicher Geduld und ehrlichem Interesse daran, dass du es richtig verstanden hast, dann ist das mehr als effizient und beeindruckend.

Es folgte als krönender Abschluss der ultimative Hammer, der für uns alle wie pure Zauberei wirkte! Die »Shadow Coins« sind eine Münzenmatrix auf dem Fußboden. Und auf diesem liegt, so wie es Michael nennt, das eigentliche Geheimnis dieser »Zauberei«. Man muss es selbst gesehen haben, um sich so wie wir darüber zu freuen.

Dann waren schon wieder 2 1/2 Stunden vorbei, als auch der Workshop zu Ende ging. Nicht ganz, denn auf die Bitte eines Teilnehmers hin zeigte Michael noch »Coin on Ceiling«, sozusagen als Bonus-Routine. Und in Ermangelung einer flachen Zimmerdecke fanden wir uns alle abends noch draußen unter dem Stolina-Zylinder, der den Eingang schmückt.

Es war spät, als man widerwillig "Bye-bye" sagte und wir alle auseinandergingen. Vielleicht, wie ich, mit dem Gefühl, etwas Seltenes erlebt zu haben, und etwas wehmütig darüber, dass es jetzt auch wieder vorbei ist. Als ich Michael Ammar 1995 das erste Mal in einem Seminar sah, wurde ich von seiner Art der Stand-Up und Close-Up-Zauberei stark beeinflusst. Heute, vier Jahre später, weiß ich, warum ich mir seitdem immer gewünscht habe, wieder einmal die Gelegenheit zu bekommen, ein Michael-Ammar-Seminar zu besuchen. Es ist seine Persönlichkeit, seine Offenheit und seine Größe. Ein Mensch, der auf jemanden, der keinen Spalt halten kann, mit demselben ehrlichen Interesse eingeht wie auf Lance Burton bei der Arbeit an dessen Becherspiel.

(mk)