65 Jahre Stolina

Seminarbericht Martin Lewis

Martin Lewis

18°C, kein Wölkchen am Himmel und Robert (Fislage) staunte nicht schlecht, dass sich doch noch so viele Zauberfreunde lieber in sein kleines Theater setzten als in einen Biergarten. Zum einen liegt es sicher an der Gastlichkeit und der wirklich netten Atmosphäre im Hause Stolina. Ich befürchte aber trotzdem, dass der Name "Martin Lewis" den stärkeren Anteil an der Ursache der Pilgerfahrten hatte. Und er zeigte auch warum.

Ein blendend aufgelegter Martin Lewis betrat die Bühne und begann sofort damit, ein Seidenpapier zu zerreißen und zu zerknüllen. Als er das Seidenpapier wieder ausrollte, um es restauriert zu zeigen, passierte es: Eine Kugel Seidenpapier des gleichen Typs fiel zu Boden und rollte die Bühne entlang. Augenzwinkern und süffisanter Applaus waren das Ergebnis, bis … – bis er die Kugel aufhob und ebenfalls heil und unversehrt zu einem Blatt ausrollte. Nun folgte echter Applaus. Er steigert dieses Spielchen noch, indem er seinen (echten) Zuschauern den Trick erklärt und dafür dann zur besseren Übersicht Seidenpapier in zwei verschiedenen Farben benutzt. Natürlich weiß der "Ottonormalzuschauer" am Ende wieder nicht, wie es geht. Wie er selbst sagte: Eine schöne Eröffnung und alles nur aus einer (Jackett-)Tasche. Two Color Torn Paper hat sein Vater bereits 1937 gezeigt und wurde nur wenig weiter entwickelt. Natürlich ist das kein neuer Trick, aber mit dem entsprechenden Vortrag à la Lewis allemal sehenswert.

Weiter ging es mit Crystal Gazing. Der Wert einer (man glaubt es nicht, wenn man nicht da war) wirklich frei gewählte Karte aus einem Jumbospiel erscheint einem nicht eingeweihten Zuschauer. Hierzu bedeckt Martin seine Hand mit einem kleinen weißen Seidentuch und legt darauf eine kinderfaustgroße Kristallkugel mit flachem Boden. Dem Zuschauer erscheint allein aus der Gedankenkraft des Magiers auf unerklärliche Weise der Index der gesuchten Karte. Als Martin das Geheimnis preisgab, lag eine Mischung aus fassungslosem Lachen und Staunen in der Luft.

Er blieb gleich beim Thema Karten und präsentierte Jumbo Halve-It. Sieben Riesenkarten von As bis Sieben. Ein Zuschauer erwürfelt die gewünschte Karte, und diese wird aus dem Spiel entfernt. Anschließend forciert Martin mit Hilfe von vier kleinen Karten die Farbe der Karte, in unserem Falle Kreuz. Dann wird der Zuschauer, der bereits mit dem Würfel die Karte ermittelt hatte, gebeten, den Wert der Karte zu erwürfeln. Hierzu soll er das oben und unten liegende Ergebnis des Würfels addieren und durch zwei teilen. Heraus kam also eine Kreuz 3 ½, welche Martin dann auch als die entnommene Karte des Spiels präsentierte. Hierzu gab es auch sofort die Erklärung, wie man diese Riesenkarten sehr leicht selbst herstellen kann.

Es folgte der "Eierbeutel nach Lewis' Art". Seiner ist anders präpariert als das alther bekannte Original. Das auffälligste Merkmal ist, dass er innen und außen gleich aussieht. Ein klassisches Schottenmuster macht die Präparation, die auch etwas woanders sitzt, nahezu unsichtbar. Auch hierzu hatte er einen schönen Abschluss, als er sich eine Armbanduhr auslieh und diese in den Beutel gab. Leider fiel sie unten heraus und wurde von ihm schnell an den hinteren Rand der Bühne gekickt. Nur um der Chronistenpflicht gerecht zu werden, sei erwähnt, dass der Zauberkollege seine Uhr unversehrt zurück erhalten hat.

Bevor es zur großen Pause läutete, gab es noch die Vorführung von Harbin's Card in Bottle. Eine nette Routine, in der eine (forcierte) Karte in einer kleinen Schnapsflasche, die in zwei verschlossenen Zigarrenkisten liegt, wieder auftaucht. Liest sich vielleicht im ersten Moment nicht so spektakulär, aber mit dem passenden Vortrag … – ich wiederhole mich.

Pause

Der zweite Teil des Seminars sollte sich, so erklärte Lewis, mit Close-Up beschäftigen und fing mit einer weiteren Bühnenillusion an. Bevor es richtig losging, bedankte er sich bei der Familie Fislage für den besten Kaffee, den er je getrunken habe, wobei er ins Stolpern geriet und um ein Haar die Kaffeetasse in der ersten Sitzreihe gelandet wäre – ein netter Gag am Rande.

Er zeigte und erklärte Cardiographic, den Kartensteiger einer gezeichneten Karte. Dies ist wohl die Illusion, an die alle denken, wenn sein Name genannt wird. Er hatte das Trickgeheimnis bereits mehrfach veröffentlicht, trotzdem nahm kein anderer Zauber diesen Trick in sein Programm auf, bis er 1996 von Copperfield aufgeführt wurde. Danach natürlich …

Nun nahm er Platz und führte eine "Zwei in der Hand, einen in die Tasche" Nummer mit Würfeln und einem Würfelbecher vor, die durch sein Dice Finale eine nette Klimax zum Abschluss erhielt. Der leer vermutete Becher war randvoll mit Miniwürfeln gefüllt, die sich beim Ausschütten des Bechers alle auf der Mikromatte verteilten. Wie er selbst bemerkte, fast ein Becherspieleffekt.

Beim Magician's Poker mit 25 Karten teilte er sich immer wieder einen Royal Flush zu. Augenzwinkernd sagte er, er selber spiele niemals Karten. Wenn er gewinnen würde, sagten ja alle, er hätte manipuliert. Würde er jedoch verlieren, bekäme er gesagt, er wäre ein schlechter Zauberer. Ich glaub', da ist was dran.

Danach präsentierte Lewis seinen Ghostwriter. Er malt mit einem Kugelschreiber einen Kreis auf eine Serviette und lässt einen Zuschauer in der Zwischenzeit aus fünf Karten, die er beiläufig vom Kartenstapel nahm, eine Karte wählen. Den Namen der Karte sollte der Zuschauer nun durch weiteres Abziehen der Karten vom Stapel buchstabieren, z.B. N-E-U-N = vier Karten. Die nächste Karte wurde nun vom Stapel genommen, ohne dass jemand sehen konnte, um welche es sich handelt. Die Serviette wird um den Kugelschreiber herumgefaltet und dem Zuschauer in die Hand gegeben. Dieser soll magische, kreisende Bewegungen über der Karte machen. Auf magische Weise sei nun der Wert der Karte in den Kreis geschrieben worden, was sich beim Öffnen der Serviette bewahrheitet. Nettes Gimmick!

Gut versichert ging es zu in Re-Covered. Eine frei gewählte und anschließend vom Zuschauer signierte Karte wird in einen Briefumschlag gegeben und dieser sichtbar zugeklebt. Ein weiterer Zuschauer signiert einen Umschlag, der aus einer Plastikfolie gezogen wird. Es stellt sich heraus, dass Zuschauer Nr. 2 eine Versicherungspolice gegen verlorengegangene Karten unterzeichnet hat. Diese ist genau so "löcherig" wie die Policen der großen Versicherer. Es sind auf der Police Karten des Spiels abgebildet, nur bei der gezogenen ist ein Umschlag, diesen beiseite geschoben erscheint ein Loch. Um es ganz kurz zu machen: Im Umschlag (der in der Police war, die gefaltet in der Plastikfolie eingewickelt war, die aus der Innentasche des Jacketts kam … puh) war die signierte Karte von Zuschauer Nr. 1.

Kurz vor "Toreschluss" zeigte er den Sidewalk Shuffle, eine Kümmelblättchen -(Monte-)Routine mit Assen und Blankokarten.

Zum Abschluss präsentierte er mit den McAbee Rings eine kleine Version der Linking Rings (oder auch bekannt als Chinese Rings oder auch nur Ringspiel) mit 3 gewellten Ringen (Damenarmreifen) und je einem Zuschauer an seinen Seiten. Er holte sie (die Ringe, nicht die Zuschauer!) aus einer sehr schönen kleinen Holzkiste hervor. Des weiteren war in diesem Kistchen (wirklich ein sehr schönes Kistchen!) noch eine Spieluhr, die mit "My Way" seine Manipulationen mit den Ringen gefühlvoll, atmosphärisch unterstützte. Er beendete die Darbietung, in dem er die Ringe von den beiden Zuschauern untersuchen ließ und wieder in das Holzkistchen (hatte ich schon bemerkt, dass es ein sehr schö…) und sagte: Die Magie lag nicht in den Ringen, sondern einzig und allein in der Musik. Dabei hob er das Kistchen am Deckel an (Deckel, Rahmen und Boden wurden von Scharnieren aneinandergehalten), und man sah ein leeres, zerlegtes Holzkistchen. Es mag dem geneigten Leser vielleicht nicht ganz entgangen sein, dass mir das Holzkistchen gut gefiel. Als ich ihn nach der Vorstellung danach fragte, erklärte er mir, dass es sein Hobby sei, so etwas herzustellen (das Wort "basteln" wäre hier unangebracht!) und dass es sich um ein Einzelstück handle.

Die Beschreibung der gezeigten Tricks und des Seminarablaufes sind leider sehr viel nüchterner, als es wirklich war. Allein die fröhliche Präsenz des Martin Lewis lässt sich eben nicht schwarz auf weiß darstellen. Anschließende Gespräche mit anwesenden Zauberkollegen zeigten mir, dass diese ebensoviel Spaß hatten wie ich und mit dem Seminar sehr zufrieden waren. Ich habe jedenfalls nirgendwo Sehnsüchte nach einem Biergarten vernommen …

Bis denne mal sacht
Zauber Minze