65 Jahre Stolina

Seminarbericht Lee Asher

Lee Asher

Eine halbe Stunde nach Mitternacht verließen Lee Asher und die letzten Seminarteilnehmer den Ort des Geschehens - nein, nicht den Seminarraum von Robert Fislage, sondern eine kleine Oelder Kneipe, wo zuvor in geselliger Runde einige Erfrischungsgetränke genossen wurden. Aber vielleicht sollte ich erst einmal von vorne anfangen!

Ein recht beschaulicher Kreis von knapp 30 Teilnehmern hatte sich in Oelde zusammengefunden, um Lee Asher, den innovativen und kreativen Kartenkünstler aus Las Vegas, zu erleben. Aber wie so oft war auch diesmal die Anzahl der Zuschauer kein Maß für die Qualität des Seminars - wir erlebten einen sehr interessanten, sehr lohnenden und vor allem sehr, sehr lustigen Abend.

Zunächst stellte Lee klar, dass er es eigentlich hasse, auf der Bühne zu stehen und den still lauschenden Seminarteilnehmern stundenlang etwas zu erzählen. Viel lieber habe er eine interaktive Workshop-Atmosphäre, die sich bei einer so geringen Teilnehmerzahl wie an diesem Abend auch ganz gut realisieren ließ. So wurde gleich deutlich, dass wir keinen Oberlehrer vor uns hatten, sondern jemanden, der Freude an der Zauberei hatte und auch locker genug an die Sache heranging, um Zwischenfragen, Kommentare oder kritische Anmerkungen zu vertragen.

Er begann sein Seminar mit "The Ripper", einer visuellen und schnellen Vier-Karten-Produktion, die regelmäßige Seminarteilnehmer schon vom Pit-Hartling-Seminar her kannten. Eine Nachfrage ergab jedoch, dass dieser Griff ein Lee-Asher-Original ist. Lee benutzt diese Produktion gerne, um beim Table Hopping das Eis zu brechen und sich eindeutig und schnell als Zauberkünstler "auszuweisen".
Als nächstes zeigte Lee uns zwei Griffe für sein Lieblingsthema: die ehrgeizige Karte. Zum einen "Slap Happy", eine direkte, sehr schön aussehende und trotzdem leicht vorzuführende Sequenz, bei der die Zuschauerkarte von der Mitte des Spiels nach oben wandert; zum anderen "The Ripple", ein sichtbares (!) Wandern der Karte an die oberste Stelle des Spiels.
In diesem Zusammenhang erklärte Lee uns auch sein Dublieren "Diving Board Double", und zwar sowohl in der nicht-akrobatischen, als auch in der akrobatischen Version. Spätestens bei der akrobatischen Version dieses Griffs hatte Lee uns alle restlos davon überzeugt, dass wir hier einen absoluten Virtuosen der Kartenkunst vor uns hatten: Die dublierte (!) Karte fliegt in mehreren wirbelnden Drehungen ca. 30 cm (!) in die Luft und landet bildoben (!) wieder auf dem Kartenspiel. Die ausgeprägte Lässigkeit der Vorführung sorgte dabei für ausgiebiges Gelächter.

Nachdem wir uns alle von diesem Schock erholt hatten, ging es weiter mit "Joking Around". Die Zuschauerkarte wird ermittelt, indem aus einer anderen Karte eine Art Scherenschnitt gebastelt wird - ideal übrigens zum Verschenken.
Es folgte die "Finger Box of Death" - eher ein visueller Gag als ein tatsächliches Zauberkunststück. Dennoch ließ es an Wirkung nichts zu wünschen übrig: Aus einer Karte wird eine Art Schachtel gebastelt, in die der Vorführende seinen Mittelfinger steckt. Dieser wird dann in alle möglichen und unmöglichen Richtungen verbogen, während die Mittelfingerspitze immer zu sehen bleibt. Wenn man einmal wirklich nichts zu zaubern dabei hat, sollte man sich an diesen Effekt erinnern!
Als letzten Griff vor der Pause zeigte Lee uns mit der "B.S.Control" eine Mehrfachkontrolle, die an Direktheit nicht zu überbieten sein dürfte und dennoch sehr täuschend ist - Eigenschaften, die man übrigens bei vielen von Lees Kunststücken findet. Vier Karten werden an unterschiedliche Stellen ins Spiel gegeben und sind mit einem einfachen Abheben oben auf dem Spiel - genial!

In der Pause beantwortete Lee Fragen, die bis dahin aufgetreten waren und war für alle möglichen Späße zu haben. Nicht zuletzt den Diving Board Double (akrobatische Version) zeigte er immer wieder gerne. Aber er gab einigen auch schon eine kleine Vorschau auf den zweiten Teil des Seminars. Doch dazu gleich mehr...

Den Auftakt der zweiten Seminarhälfte bildete "Hole In the Head", eine Matrix-Routine, die so anfängt, wie man es schon kennt, aber so aufhört, wie man es wohl noch nie gesehen hat. Die letzte Münze verschwindet sichtbar von der letzten Karte, die dann mit gespreizten Fingern gehalten wird. Dabei steht der Vorführende Meter vom Tisch entfernt, auf dem schließlich unter der letzten Karte die Münze wiedererscheint.
Mit "Pulp Friction" zeigte Lee uns nicht nur seine Vorliebe für intelligente Kunststück-Titel, sondern auch eine sehr, sehr direkte Methode, eine Karte nach unten zu kontrollieren. Wer die Unterfächertechnik von Hofzinser oder die Perpendicular Control von Juan Tamariz kennt, wird hier eine interessante Alternative finden, die diese beiden Methoden meiner Meinung nach sogar noch in den Schatten stellt. Eine absolut praktikable, ökonomische und täuschende Kontrolle.
Bei "Deuce Bag" verwandelt sich der Joker, der sich in einer verschlossenen, durchsichtigen Tüte befindet, in die Zuschauerkarte. Die Methode ist dabei so direkt, ja fast frech, dass man bei der Vorführung eigentlich leicht rot anlaufen müsste.
Mit "Thunderbird" folgte eine kurze und sehr visuelle Vier-As-Produktion. Nach Lees Angaben handelt es sich hierbei um die ersten acht Sekunden seiner FISM-Routine, die er 1997 in Dresden vorführen wollte. Leider kam es nicht dazu, weil er bis dahin so lange gebraucht hatte, diese Sequenz auszutüfteln und einzuüben. In Lissabon war er letztes Jahr nur als Besucher - man sieht sich also 2003 in Den Haag!

Den krönenden Abschluss bildete Lees wohl bekannteste Routine, die er einigen bereits in der Pause vorgeführt hatte: der "Asher Twist". Es handelt sich hierbei um eine Version von Dai Vernons Klassiker "Twisting the Aces". Es finden allerdings keine umständlichen Elmsley-Counts oder sonstige Grausamkeiten statt, sondern hier hat die Zaubererwelt die wohl direkteste Version dieses Effektes, die überhaupt denkbar ist. Nach jedem Ausfächern der bildoben liegenden Asse hat sich ein As bildunten gedreht. Wenn alle vier Asse bildunten liegen, wird eines davon bildoben gedreht - augenblicklich haben sich alle anderen Asse ebenfalls bildoben gedreht! Lee erklärte uns diesen Effekt in aller Ausführlichkeit, so dass wirklich keine Fragen offenblieben - außer vielleicht, wann man dieses Kunststück so vollendet wird vorführen können wie er.

Damit war das Seminar nach ungefähr drei Stunden (eigentlich) vorbei. Nach dem Signieren der berühmten Tür zum Seminarraum und dem allgemeinen Verdauen des soeben Erlebten ging Lee mit einigen Teilnehmern aber noch in eine Kneipe, um den Abend in aller Gemütlichkeit ausklingen zu lassen. Für diesen kleinen Kreis ging das Seminar nun erst so richtig los: Lee zeigte uns und dem restlos begeisterten Wirt ("Hey, guck' mal, die haben hier einen aus Las Vegas!") noch etliche Kunststücke und erklärte sie uns ( - nicht dem Wirt!). Wir erhielten einige interessante Informationen (Wussten Sie zum Beispiel, dass es sich nach neuesten Erkenntnissen bei S.W. Erdnase eben doch nicht um einen Herrn Andrews handelte?), und Lee zeigte uns sogar exklusiv einen noch wenig bekannten, aber sehr täuschenden Griff, den er bisher nur wenigen Zauberfreunden anvertraut hatte. Ich möchte an dieser Stelle aber nicht zu viel verraten - wer dabei war, wird wissen, wovon ich rede...

So ging um halb eins nachts das wohl denkwürdigste Seminar zu Ende, dass ich je in Oelde erlebt habe. Lee Asher ist einer der sympathischsten und gleichzeitig begabtesten Zauberkünstler, denen ich bisher begegnet bin. Seine unkonventionelle, lausbübische Art liegt vielleicht nicht jedem, aber mir ist eine solche Bodenständigkeit allemal lieber als die Einstellung manch anderer "Kollegen". Und so bin ich einmal mehr froh, zu einem Seminar gegangen zu sein, das eigentlich nicht mein "Gebiet" ist, denn diejenigen Qualitäten eines Zauberkünstlers, von denen man wirklich etwas lernen kann, erkennt man nicht daran, mit welchen Gegenständen er zaubert.

Frank Ollermann