65 Jahre Stolina

Seminarbericht Joshua Jay

Joshua Jay

Zauberkünstler sind schon ein merkwürdiges Völkchen: Da strahlt die Sonne, und die Temperaturen bewegen sich in schwindelnden Höhen, aber anstatt sich ins Schwimmbad oder in den Biergarten zu begeben, findet man sich bei Robert Fislage in Oelde ein, um Joshua Jay, den Nachwuchszauberkünstler der Zauberszene schlechtin, bei seinem neuen Seminar zu erleben. Naja, jetzt, wo ich so drüber nachdenke, ist es vielleicht doch gar nicht so merkwürdig ...

Joshua zeigt ein sehr professionelles Seminar, gespickt mit sehr gut durchdachten Routinen, die sich teils für Close Up, teils für Stand Up eigneten.

Zunächst zeigte Joshua uns eine sehr leicht vorzuführende Version der "Karte in Tasche", bei der eine gewählte Karte in die Tasche des Vorführenden wandert, sich aber zunächst als falsche Karte herausstellt: Anstatt der Karo Zwei handelt es sich um die Karo Zehn. Aber kein Problem: Einmal dagegen geschnippt, schon fallen einige Karos ab, und der Vorführende hält die richtige Karo Zwei in der Hand. Eine schöne Routine, die sich sehr gut für "Herumlauf-Zauberei" eignet. Ich wage allerdings zu bezweifeln, dass sich die Leute bei diesem Effekt daran erinnern werden, dass die Karte in die Tasche gewandert war - zu prägnant und erinnerungswürdig ist der Effekt, Karos von einer Karte abzuschütteln.

In einer anderen Routine werden drei chinesische Münzen (die mit dem Loch in der Mitte) auf ein Band aufgefädelt. Eine nach der anderen durchdringen die Münzen das Band und kommen frei. Ebenfalls ideal für Walk Around besticht diese Routine durch die ausgefeilte Routinenplanung. Die Effekte steigern sich immer mehr, bis der letzte Effekt in der Hand des Zuschauers passiert.

Jay weihte uns auch in einen seiner bekanntesten Kartengriffe ein, mit dem man eine Karte kontrollieren oder auch forcieren kann. Ein sehr natürlich und damit völlig unschuldig aussehdner Griff, der zudem noch sehr leicht auszuführen ist. Das Interessante daran: Bei der Forcierkarte kann es sich um eine mit andersfarbiger Rückseite handeln. So lässt sich diese Methode ideal für Routinen einsetzen, wo dies wünschenswert ist (z.B. Routinen mit einem "Dream Card"-Effekt) und wo man sich bislang nur mit weniger überzeugenden Umwegen behelfen musste.

Eine weitere nette Sache mit Karten war "Side Show", ein Effekt, bei dem der Vorführende fünf Karten vorzeigt, die vier, drei, zwei, eine und schließlich keine Seiten hatten. Zur Verdeutlichung zeigen die Karten anstatt Kartenwerten große Ziffern von Eins bis Vier, wodurch dieser Effekt übrigens hervorragend für Kinder geeignet ist, die mit den üblichen Kartenwerten meistens nicht viel anfangen können. Wer sich jetzt fragt, wie eine Karte ohne Seiten wohl aussehen mag, der sei an Jays hervorragendes Buch "Zauber-Atlas" verwiesen, in dem die meisten in diesem Seminar gezeigten Effekte enthalten sind.

Nach der Pause folgte ein ungewöhnlicher Programmpunkt: Jay bat das Publikum nacheinander in zwei Gruppen in den Nebenraum, um zwei Kunststücke zu zeigen, die für ein kleineres Publikum ideal sind. Zuerst erschienen auf magische Weise die vier Damen bildoben aus dem in vier Päckchen abgehobenen Kartenspiel. Anschließend verwandelten sie sich sogar noch in Miniaturkarten! Der andere Effekt war eine Variation von Dai Vernons Klassiker "Twisting the Aces". In diesem Fall drehten sich allerdings die Buben mal bildoben, mal bildunten. Diese Version war im Gegensatz zum Original sehr viel visueller, ist dafür allerdings auf den Gebrauch einer speziellen Trickkarte angewiesen. So ist das eben im Leben: Man zahlt für alles einen Preis!

Diese Trickkarte erklärte Jay uns danach in aller Ausführlichkeit. Manch einer mag zunächst wohl gedacht haben, es handle sich heir um einen alten Hut. Aber der "Teufel" steckt wie immer im Detail. Jedenfalls sind mit dieser Karte wahre Wunder möglich. Dies demonstrierte Jay in einer eindrucksvollen Serie von Poker-Effekten. Jay als Poker-SpezialistZum Schluss haute er aber alle Anwesenden vollends vom Hocker, indem er nicht nur in einem, sondern in allen vier Kartenblättern jeweils vier gleiche Karten erschienen ließ! Dies zeigte einmal wieder, wie wichtig die Psychologie und die geschickte Routinenplanung sind, war doch das so oft beschworene "Trickgeheimnis", isoliert batrachtet, nachgerade eine "Frechheit". Aber in dieser Kombination eben extrem täuschend - und darauf kommt es schließlich nur an!

Neben Karten und Münzen kam aber auch ein Seileffekt vor - naja, eher eine "kleine Idee", die man in eine bereits bestehende Seilroutine einbauen kann, vornehmlich um selbige zu eröffnen: Der Vorführende zeigt ein (zu) kurzes Seilstück vor und streckt es zur zigfachen Länge, so dass er nunmehr seine Seilroutine vorführen kann. Eine nette Idee, die einem endlich einmal eine Möglichkeit bietet, effektvoll in eine Seilroutine einzusteigen. (Sind Sie auch von der "Seilbündel-Fraktion"? Dann wissen Sie, was ich meine.)

Als letzten Effekt im regulären Seminarverlauf zeigte Jay uns eine Version der "Hanging Coins": Der Vorführende zeigt drei Münzen vor, lässt diese nach und nach verschwinden, um sie in die Luft zu hängen. Nach Belieben kann er die Münzen nun wieder erscheinen lassen. Hier handelt es sich um eine "hochtechnische " Münzenroutine, die das Maximum an visueller Wirkung aus diesem Thema holt. Die Münzen können zwar nicht zum Untersuchen gegeben werden, aber wer dies üblicherweise tut, der kann nach dem Verschwinden der Münzen auch einfach aufhören - dann gibt's auch nichts zu untersuchen! Das Verschwinden, das Jay im Zusammenhang mit dieser Routine erklärte, kam übrigens sehr gut an, und ich kann mir gut vorstellen, wie der eine oder andere noch am selben Abend bis kurz vor Mitternacht vor dem Spiegel stand, um diesen Griff einzustudieren.

Doch auch nach dem eigentlichen Seminar machte Jay gnadenlos weiter. Höhepunkt dieser "After-Show-Party" war ein Effekt, bei dem der Vorführende und zwei Zuschauer sich jeweils gegenseitig einige Karten zeigen, aus denen sich der andere jeweils eine Karte ansehen und merken soll. Die Karten werden also nur angesehen und gedacht - nicht gezogen, berührt oder sonst etwas. Trotzdem nennt der Vorführende die von ihm (naja ...) und die beiden von den Zuschauern gedachten Karten. Hier macht der Vorführende gleichzeitig beide Zuschauer zu Eingeweihten Assistenten. Trotzdem kann keiner der beiden hinterher sagen, wie das Ganze funktioniert hat. Faszinierend! Und nachdem Jay uns das Geheimnis verraten hatte, war mein erster Gedanke, wie um alles in der Welt sich jemand nur so etwas Komplexes ausdenken kann.

Das Seminar hat mir sehr gut gefallen. Bei Jays fast noch jugendlichem Alter ist man natürlich schnell geneigt zu sagen: "Nicht schlecht für sein Alter." In Wirklichkeit jedoch war Jays Zauberei einfach nur sehr gut - unabhängig von seinem Alter. Wenn man sich allerdings überlegt, wie lange die meisten anderen gebraucht haben, um so gut zu werden, wie Jay es bereits ist, dann kann man nur gespannt sein auf das, was man von diesem Künstler noch zu sehen bekommen wird!

Frank Ollermann