65 Jahre Stolina

Seminarbericht Jarle Leirpoll

Jarle Leirpoll

Am 18. Oktober hielt Jarle Leirpoll sein "Pocket-Power"-Seminar ab. Ich war sehr gespannt auf dieses Seminar. Viele Zauberkünstler beschäftigen sich mit ausgeklügelten Mechanismen und "teuflisch genialen" Gimmicks - da ist es doch wohltuend, wenn man einmal etwas über die Einsatzmöglichkeiten solch gewöhnlicher und damit naheliegender "Hilfsmittel" wie den Hosen- und Jackett-Taschen erfährt. Umso erstaunter war ich, als ich erfuhr, dass bis kurz vor dem Seminartermin noch fraglich war, ob das Seminar überhaupt stattfinden würde - mangels Anmeldungen! "Ja, haben die denn gar keine Taschen?" fragte ich mich. Aber glücklicherweise fanden sich dann doch genügend Seminarteilnehmer, die an diesem Thema interessiert waren.
Jarle Leirpoll war bereits eifrig dabei, seinen Verkaufsstand aufzubauen, als ich den Seminarraum betrat. Da Jarle zwar deutsch versteht, sich aber sehr konzentrieren muss, um deutsch zu sprechen, übernahm ich die Rolle des Übersetzers. Dadurch konnte ich die Effekte zwar nicht so erleben, als hätte ich im Publikum gesessen, aber wer darf einem Zauberkünstler schon in seinen "heiligen" Zauberkoffer schauen?
Jarles erster Effekt war sein berühmter "No Gimmick Bill Switch": Ohne Einsatz irgendwelcher Hilfsmittel verwandelt sich ein Geldschein in einen Schein höheren Wertes. Inspiriert durch Roger Klause und Michael Ammar entwickelte Jarle eine Version ohne das "gewisse Etwas", da ihm die Handhabung damit immer etwas unnatürlich erschien. Das Ergebnis ist eine Geldscheinverwandlung, die nach echter Zauberei aussieht. Der Preis dafür ist allerdings eine Technik, die lange geübt werden muss, bis sie natürlich und fließend aussieht.

Das nächste Kunststück war ein Paradebeispiel für den sinnvollen Einsatz von Misdirection und Austauschtechniken - "Toilet Paper to Egg": Ein Stück Toilettenpapier verwandelt sich durch Erhitzen mit einem Feuerzeug in ein echtes Ei! Ein kurzer, starker Effekt, der gut einstudiert sein will, dann aber viele Möglichkeiten für Gags bietet und gut beim Publikum ankommt (offensichtlich auch, wenn es sich um "Kollegen" handelt).
Als nächstes folgte eine kurze Abhandlung mit dem Titel "Eye Scan". Jarle erzählte aus seiner Erfahrung als "Cutter", wie im Fernsehen zwischen "harten" und "weichen" Bildschnitten unterschieden wird, wie man aus "harten" Bildschnitten "weiche" machen kann und wie man dieses Wissen für die Zauberkunst nutzen kann. Interessante Informationen eines Menschen mit für die Zauberkunst ebenso interessantem Hintergrund.
Danach führte Jarle "Norwegian Travellers" vor, eine Version des berühmten Kunststückes von Dai Vernon. Vier Karten werden von einem Zuschauer signiert und an vier verschiedene Stellen ins Spiel gegeben. Eine nach der anderen wandern drei dieser vier Karten nun in verschiedene Taschen. Die letzte Karte findet sich schließlich gefaltet im Schuh des Vorführenden wieder. Bei der in seinem Buch beschriebenen Version erscheint die letzte Karte aus dem "Hosenladen". Wem diese Version zu gewagt erschien, hatte mit der nun gezeigten Variante einen "entschärften" Schlusseffekt zur Verfügung, den man bedenkenlos überall vorführen kann. Genial an diesem Kunststück ist die ausgeklügelte Art und Weise, in der Jarle mit gekonnter Misdirection die Wanderungen bewerkstelligt.
Anhand dieses Kunststückes erläuterte Jarle die Konzepte "Choreographic Misdirection" und "Kill Dead Time". Ablenkung durch Choreografie bezeichnet Jarles Sichtweise zu jeder Art von Ablenkung. Dabei fließt besonders viel Wissen aus seiner Arbeit beim Fernsehen ein. "Kill Dead Time" ("Töte tote Zeit") beschäftigt sich mit einem Teilaspekt der Routinenplanung, in dem es darum geht, Zeiträume, in denen "nichts" passiert, durch Gags oder kleine Effekte aufzufüllen, so dass das Interesse der Zuschauer stets aufrecht erhalten wird. Als dafür gut geeigneter Gag sei als Beispiel nur das Sicherungsetikett genannt, mit dem man hervorragend Körperdrehungen motivieren kann. (Hoffentlich hat Jarle das Ding rechtzeitig wieder abgenommen!)
Nach "Eye Exam", einem Karteneffekt mit vielen erschlagenden Effekten innerhalb kurzer Zeit, zeigte Jarle "Coke in Shoe": Im Schuh des Vorführenden finden sich zunächst eine plattgetretene Coladose und schließlich eine verschlossene, gefüllte, echte Coladose! Auch hier handelt es sich um einen starken, witzigen Effekt, der sich unter anderem hervorragend dazu eignet, "tote Zeit zu töten". Hier bewies Jarle seine Expertise in Sachen Fernsehen, denn ohne den Effekt zu erklären, entließ er uns in die Pause - ein echter "Teaser"!

In der Pause wurde bereits tüchtig Umsatz gemacht. Ich war vom Übersetzen relativ geschafft und musste mir erst einmal rauchenderweise die Beine vertreten. Jarle aber, der in der ersten Halbzeit sicherlich viel mehr zu tun gehabt hatte, stand geduldig allen Fragen Rede und Antwort und hatte somit eigentlich überhaupt keine Pause - bemerkenswert!
Nach der Pause löste Jarle das Rätsel von "Coke in Shoe". Wiederum handelte es sich um einen gut choreographierten Einsatz seiner Taschen.
Es folgten einige Ideen zu verschiedenen Kunststücken und Erklärungen verschiedener Möglichkeiten, Kartenspiele gegeneinander auszutauschen. Ebenso ging Jarle auf diverse "Steals" ein, also Methoden, heimlich einen Gegenstand aus einer Tasche aufzunehmen. Einige dieser Methoden sind so gut, dass man sich fragt, warum man sie selbst noch nicht einsetzt. Na ja, was nicht ist, kann ja noch werden.
Nun führte Jarle einige Artikel aus seinem Händlersortiment vor, so zum Beispiel das "Locking Deck", "Bounce / No Bounce Balls", diverse Bücher und Videos sowie "Card in Mouse Trap", meiner Meinung nach eines der kommerziellsten und unterhaltsamsten Kunststücke überhaupt! Ein Zuschauer zeichnet eine Maus auf eine frei gewählte Spielkarte und mischt diese selbst ins Spiel. Mit Hilfe einer Mausefalle versucht der Vorführende nun, diese Karte zu finden. Mit einer Karte nach der anderen berührt der Vorführende die Mausefalle. Bei einer Karte schnappt die Falle plötzlich zu - bei der gewählten Karte. Ein wirklich lustiger Effekt, bei dem man die Spannung der Zuschauer direkt aus ihren Gesichtern ablesen kann und bei dem der Effekt richtig "reinhaut" - klasse!

Zum Abschluss führte Jarle sein "Almost Ultimate Newspaper Tear" vor: Der Vorführende blättert eine Zeitung vor und lässt von einem Zuschauer (!) aus einem Glas Wasser hineingiessen. Die Zeitung wird umgedreht, aber das Wasser fließt nicht wieder heraus. Dennoch kann der Vorführende das Wasser wieder aus der Zeitung erscheinen lassen und ins Glas zurückgiessen. Nun wird die Zeitung in viele Teile zerrissen und schließlich blitzartig restauriert. Diese Restauration geht dermaßen schnell vonstatten, dass man seinen Augen kaum traut. Die Präparation ist zwar so aufwändig, dass Jarle einen Großteil davon bereits im Vorfeld erledigt hatte, aber durch den starken Effekt wird man dafür mehr als entschädigt.

Mit diesem Kunststück endete ein grundlegendes und sehr interessantes Seminar, aus dem man vieles lernen konnte. Gerade Jarles Gedanken zum Stehlen und zur Lenkung der Aufmerksamkeit sind so universell einsetzbar, dass man sie praktisch in jedes Kunststück einfließen lassen kann und auch sollte. Außerdem ist Jarle sowohl als Künstler wie auch als Mensch eine sehr sympathische Erscheinung, so dass mir einmal mehr deutlich vor Augen geführt wurde, dass wirkliche Künstler sich nicht mit Selbstüberschätzung und Starallüren aufhalten!

Frank Ollermann