65 Jahre Stolina

Seminarbericht Helge Thun

Helge Thun

Sämtliche biologischen Betrachtungen darüber, ob Zauberkünstler gewohnheitsmäßige Einzelgänger oder vielleicht doch Herdentiere sind, schienen an diesem 31. Mai 2005 hinfällig. Schon von weitem war durch die Großzahl motorisierter Vehikel rund um den Ort des Geschehens ersichtlich, in welcher Masse die Maja-Jünger aus ihren Löchern gekrochen waren, um ein ganz außerordentliches Exemplar ihrer Gattung zu bewundern. Nachdem Revierinhaber Robert Fislage der Meute bereits einige Brocken in Form einer Produktpräsentation vorgeworfen hatte, erwartete man gespannt den Auftritt des Wahl-Süddeutschen Helge Thun.

Dieser betrat etwa zwanzig Minuten nach Beginn der Veranstaltung den komplett gefüllten Beobachtungsraum. Die Zuschauer sollten nicht enttäuscht werden, denn Helge Thun ist ein spritzlebendiger Vertreter der beinahe ausgestorbenen Gattung der Ur-Komiker, zumindest ist er urkomisch. Außerdem ist er wohl auch zur Familie der Schlitzohr-Schlawiner zu zählen.

Er eröffnete mit seiner bekannten Routine Trickfilm. Bei dieser massiven Ballung von Wortspielen wäre es selbst Heinz Erhardt schwindelig geworden. Genial! Nicht zu vergessen dabei der starke Effekt: Ein Stück Film verwandelt sich in einer Filmdose in einen Geldschein. Dieses Kunststück war - wie auch einige der folgenden - bereits in Helges Seminar "Faustdick hinterm Schlitzohr" zu bewundern, verfehlte aber auch diesmal nicht seine Wirkung und half, den Wissensdurst der Zauberermeute zu stillen.

Anschließend erläuterte Helge den Einsatz von fabrikmäßigen Blüten - also Falschgeld -, welches er bald unter dem Namen "Fleuros" über die Händler anbieten wird. Eine sicherlich bereichernde Idee, für die er kurz einige Verwendungsmöglichkeiten aufzeigte.

Die Vorführungen wurden dabei immer wieder durch die typisch-Thun'schen Gedichte unterbrochen, die sich diesmal hauptsächlich um das Thema Frösche drehten und mit ihrer Heiterkeit alle Seminarbesucher ansteckten, zumal Helge sie in gewohnt schelmischer Manier mit viel Gespür für feinen Wortwitz präsentierte.

Als nächstes wurde der Betrachter eines Phänomens gewahr, welches bei der Gattung des gemeinen Zauberkünstlers keine Ausnahme darstellt: Kartenkunst, noch dazu gepaart mit Fingerfertigkeit. Helge präsentierte hier wenige, relativ anspruchsvolle Routinen, die teilweise einige Vorkenntnisse erfordern, jedoch immer mit Hinweisen, wie auch der Technik-Neuling mit zwei linken Händen (sprich: ich) diese Kunststücke meistern könne, so dass sie für jedermann nachvollziehbar wurden.

Da war zuerst ein sehr visuelles Ass-Erscheinen mitten auf dem Tisch, gefolgt von seinen bekannten Fächerfliegern, die er bereits bei seinem letzten Auftritt in Oelde gezeigt hatte. Dann erläuterte er im Detail eine Palmage-Transfer-Technik, die nicht nur den vereinsamten Zauberkünstler vorm Spiegel begeistert, sondern - dank ihrer Einfachheit - auch sehr praxistauglich ist.

Die Kamerakarte (Instant Camera Card) befindet sich seit Jahren in Helges Seminarprogramm, kommt immer gut an und wurde "zufällig" auch von Weltmeister Jason Latimer "unabhängig" erfunden, was Helge sichtlich wurmte.

Vor der Pause schloss dieser mit seiner Kreidekellenroutine "GEIL". Einziger möglicher Kommentar: Geil.

In der Pause strömte das Magierrudel wie gewöhnlich in Richtung Futterplatz, doch auch Robert Fislage machte an seiner Theke einigen Absatz.

Anschließend erklärte Helge en detail seine geniale Becherspielroutine mit einem Chop Cup. Es war erstaunlich, wie viele Gedanken er sich auch über (scheinbare) Kleinigkeiten machte. Seine Ausführungen über die Abschlussladungen sind Gold wert und dürften eigentlich jedem Seminarteilnehmer die Angst vor diesem oft kritischen Moment genommen haben.

Anschließend war Raum, dem erfahrenen Zauberkünstler Fragen zu stellen, wovon auch reichlich Gebrauch gemacht wurde. Dabei erfuhr man zunächst etwas über seine Methode, Texte zu schreiben. Hochinteressante Gedanken! Auch dem Entstehen von Gedichten widmete er einige Minuten. Dann erfuhr man, dass sich der Schlitzohr-Schlawiner im Wesentlichen von abendfüllenden Theaterauftritten ernährt, auf Table-Hopping hingegen ganz verzichtet. Nicht selten trete er im Rahmen von Improvisationstheater auf, was er auch allen Anwesenden als Übung empfahl. Hier liegt sein Hauptaugenmerk gerade auf dem oft so unangenehmen Scheitern, welches letztendlich für ihn auch nur eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung darstellt. Im Allgemeinen forderte er jeden auf, so viel Bühnenehrfahrung wie möglich zu sammeln, was dem Zaubern nur zuträglich sein könne.

Nachdem er noch einige Worte über die Rollenfindung im Zusammenhang mit Humor verloren hatte, endete ein äußerst unterhaltsamer und lehrreicher Seminarabend, der bei allen Beteiligten schon Vorfreude auf das nächste Helge-Thun-Seminar weckte.

Jannis Funk