65 Jahre Stolina

Seminarbericht Helge Thun

Helge Thun

So, das ist also der Schlawiner, der schöne Blonde aus dem Norden, der Highlander - dachte ich so bei mir. Man kann Helge Thun viele Namen geben, und irgendwie passen diese auch sehr gut zu ihm. Doch jetzt mal im Ernst: Meiner Meinung nach ist er einer der besten und unterhaltsamsten deutschen Zauberkünstler. Bisher kannte ich Helge Thun nur vom Lesen verschiedener Veranstaltungsberichte oder von seinen Routinen bzw. Beiträgen aus der Fachliteratur. (Hier sind "Das Buch" der Fertigen Finger und die MAGIE-Ausgaben 10/98 und 1/99 besonders zu erwähnen.)

Um sich gleich von Anfang an ein besseres Bild über die Teilnehmer machen zu können, erkundigte sich Helge während seiner Begrüßung nach den Bereichen wie Bühne, Stand-Up, Close-Up oder Kinderzauberei. Die erste Routine des Seminars, die er vorführte und genau erklärte, war eine Becherspielroutine, in der ein Chop-Cup verwendet wird. Damit wollte er denjenigen Mut machen, die sich bisher noch nicht an dieses anspruchsvolle Kunststück herangewagt hatten. Durch den Einsatz eines Chop-Cups lassen sich aber so klare, starke Effekte erzielen, die sonst nur annähernd mit schwieriger Grifftechnik möglich wären. Während seiner Vorführung kam auch indirekt das bekannte D'Light kurz zum Einsatz. (Nur so, um mal zu zeigen, was man mit etwas Witz daraus machen kann, ohne nur imaginäre Glühwürmchen aus der Luft zu fangen.) Sehr gut waren auch seine Tipps zu den Schlussladungen, mit denen er vielen Teilnehmern die Angst davor nahm.

Beim Thema "Karten" zeigte Helge anschließend als erstes seine Instant Camera Card. Diese Routine ist ein Paradebeispiel für perfekte und professionelle Routinenplanung. Hier konnte man viel über gute Time-Misdirection lernen - besonders bei der Kontrolle einer "vom Zuschauer gewählten" Karte.
Im Anschluss sahen wir Helges Rollmops. Nein, nein! Das ist eines seiner bekanntesten und stärksten Kartenkunststücke, bei dem ein Geldschein zum Einsatz kommt. Und da wir Zauberkünstler ja gerne Kunststücke mit meistens von Zuschauern geliehenen Geldscheinen vorführen, gab Helge uns zu diesem Thema eine ganze Reihe wirklich guter und praktischer Ratschläge aus seiner Erfahrung. (Wie kann ich mir den "100-Dollar-Bill-Switch" vereinfachen? Wie funktioniert gutes Miscalling bei Geldscheinnummern? Welche guten Gags gibt es für Geldscheinnummern? Was mache ich, wenn mir tatsächlich mal ein Zuschauer einen 1000-Mark-Schein gibt?)
Da die Zeit bis jetzt viel zu schnell verging, konnte Helge leider nicht auf eines seiner Hauptanliegen eingehen: den Vortrag. (Wer die Möglichkeit hat, sollte unbedingt seinen Beitrag "Texter texten Texte" in der MAGIE 10/98 ausführlich studieren.) Auch über seine Erfahrungen und Gedanken, wie man mit dem "schwierigen" Zuschauer ungehen sollte, konnte er aus Zeitmangel nicht näher sprechen. (Dazu gibt es seinen empfehlenswerten Aufsatz "Status und Improvisation" im o.g. Fertigen-Finger-Buch.)

Bei allem, was Helge vorführte, was er erklärte, worüber er sprach, erkannte man, dass die Persönlichkeit des Vorführenden, seine Kreativität, seine Sprache und sein Witz einen sehr hohen Stellenwert besitzen. Das konnte man bei der folgenden Close-Up-Routine "Trickfilm" - mit genialen Wortspielen - genauso erkennen, wie bei seinen Ideen zur Kreidekelle, die einfach gesagt neu aber klasse waren. Für mich persönlich war es die Krönung, als Helge uns zum Schluss drei Nummern seines Repertoirs vorführte, sozusagen für uns zauberte, wie er es für sein Publikum tut.
Im Stile der Comedian Harmonists sang Helge zur Musik von "Isabella von Kastillien" und zeigte uns seine wirklich witzige Würfelkasten-Routine. Man muss das gesehen und gehört haben, um zu begreifen, was er unter guter Unterhaltung versteht. Wäre ich dabei nicht schon vor Lachen vom Stuhl geknallt, dann spätestens bei der folgenden Nummer.

Helge als "Kinderzauberer", der mit dem Becherspiel einen Sexualkunde-Unterricht der ganz besonderen Art vorführte. Und ganz zum Schluss trat Helge noch als "Dänischer Butterfahrt-Zauberer" mit dem Pom-Pom-Stab für uns auf. Danach ging im wahrsten Sinne des Wortes wirklich nichts mehr! Eines der meiner Meinung nach besten Seminare, die ich gesehen habe, war vorbei. Mit einem, und jetzt wiederhole ich mich gerne aus Überzeugung, der unterhaltsamsten und kreativsten deutschen Zauberkünstler - mit Helge Thun.

Matthias Kottucz