65 Jahre Stolina

Seminarbericht Gregory Wilson

Gregory Wilson

Er hatte schlichtweg ein bisschen verschlafen, der gute Gregory Wilson. In nur gut einer Stunde war er von Braunschweig nach Oelde gefahren - mit einer Spitzengeschwindigkeit von 240 Stundenkilometern! Na, ob das nicht vielleicht ein wenig übertrieben war? Egal - Robert Fislage nutzte die Zeit, um einige seiner Lieblingskunststücke vorzuführen und feilzubieten. Wer ihn schon einmal zaubern gesehen hat, der weiß, dass er eine eindrucksvolle und sehr humorvolle Bühnenpersönlichkeit hat und seinen Schalk voll ausspielt, ohne dass man ihm seine Späße auch nur im Ansatz übel nehmen kann.

Aber bevor es zu einem Robert-Fislage-Seminar wurde (warum aber nicht auch einmal?), kam Gregory Wilson (ausgeschlafen!) bei Stolina Magie an. Der erste Gag bestand schon einmal darin, dass er einige Minuten brauchte, seine Stegreif-Effekte (!) vorzubereiten, ganz nach dem Motto: Nur wer gut vorbereitet ist, kann wirklich spontan sein.

Aber mit nur wenigen Minuten Verzögerung (?) ging es dann los, und zwar mit "Something for Nothing", einer einfachen Routine, bei der eine Münze mehrmals auf dem Handrücken erscheint. Der Effekt ist überraschend; die Methode ist allerdings nichts für Griffe-Fanatiker ... Die Münze wird dann in die Luft geworfen und verwandelt sich dort in eine Riesenmünze. Diese verschwindet dann spurlos. Letzteres wird durch Gregs "All Around Vanish" bewerkstelligt, eine sehr überzeugende Erweiterung für fast jeden Verschwindegriff. Sollte man sich merken! Und wo wir schon einmal bei innovativen Griffen sind: Mit "Pitch and Ditch" zeigt Gregory Wilson uns, wie man aus seiner Hosentasche blitzschnell ein Topit machen kann. Verlockende Vorstellung, nicht wahr? Mehr sei hier aber nicht verraten.

Ein Höhepunkt aus täuschungstechnischer Sicht war auf jeden Fall Gregorys Paradetrick "Recap" in der mittlerweile wohl zehnten Überarbeitung. In überraschender Folge verschwindet mal ein Stift, mal nur dessen Kappe, um mal hier, mal dort wieder aufzutauchen. Schon klasse, was man mit einfachen Gegenständen so alles anstellen kann, wenn man sich nur mal die Mühe macht, sich ein wenig Gedanken zu machen. Gedanken hat Greg sich bei dieser Routine auf jeden Fall gemacht. Die Misdirection ist fast noch stärker als beim Becherspiel in die Effektfolge eingebaut, so dass man kaum befürchten muss, "erwischt" zu werden.

Mit Servietten brachte Gregory Wilson weitere alltäglichere Gegenstände ins Spiel. Dass man damit auch den Schwammballtrick vorführen kann, zeigte er uns mit "Sponge Napkins". Wenn man also gerade "zufällig" nicht seine Goshman-Fluffis dabei hat, wenn man um einen kleinen Trick gebeten wird, sollte man sich an diese Routine erinnern. Eine sehr einfache, aber umso effektivere Hilfstechnik dieser Routine nennt sich treffenderweie "Pit Stop". Diesen praktischen "Griff" hatte schon Carl Andrews in seinem Seminar gezeigt. Worum es sich hier handeln mag, überlasse ich mal der Findigkeit des geneigten Lesers.

Auf die Spitze trieb es Greg mit seiner Version von Slydinis Klassiker "Paper Balls Over the Head". Bei ihm nennt sich das Ganze "Head Trip", und dabei fliegen nicht nur Servietten, sondern auch gerne mal ein Kartenspiel, ein Teller oder eine Bierflasche! Jeder, der dieses Kunststück kennt, ist eigentlich zu bemitleiden. Wir werden nie erfahren, was das für ein wunderbares Gefühl des Staunens für den "Geleimten" sein muss. Aus seiner Sicht muss das ja die reinste Offenbarung sein! Bei Greg verschwinden die Dinge aber nicht nur, sondern sie erscheinen wieder hinter dem Ohr des Zuschauers, fast von alleine (aber eben nur fast!).

Fingerringe waren ein weiteres Thema des Seminars. Greg zeigte uns einige Phasen aus "Ring Leader", seiner Fingerring-Seil-Routine, die einige sehr täuschende Durchdringungen enthält. Als Abschluss dieser Routine bietet sich "Ring Fright" an: Ein Fingerring wird in die Luft geworfen und in bester "Karate-Coin-Manier" auf dem Zeigefinger aufgefangen. Dieser Effekt wird noch einmal wiederholt, und der Ring des Zuschauers kann sofort und ohne Austausch zurückgegeben werden. Wer etwas mehr Mut hat, kann Gregs Idee verwenden, den geliehenen Ring scheinbar versehentlich quer durch den Raum zu werfen - nur, um ihn sogleich wieder auf dem Daumen erscheinen zu lassen. Ein echter Schocker - zumindest für den Ringbesitzer ...

Auch mit Karten weiß Mr. Wilson umzugehen. Neben einer visuellen Vier-Ass-Produktion war der folgende Effekt der wohl eindrucksvollste: Zwei Zuschauer ziehen je eine Karte. Eine dritte Karte wird in die Luft gewirbelt und kehrt im hohen Bogen zum Vorführenden zurück, der die Karte mit dem Spiel auffängt. Die Karte bleibt genau zwischen den beiden zuvor gewählten Karten stecken!

Gregory Wilson gilt zu Recht als Spezialist für Stegreif-Effekte. Jeder Zauberkünstler tut gut daran, einige solcher Routinen in sein Repertoire aufzunehmen. Es ist einfach schöner, wenn man auf die Frage "Kannst Du mal schnell einen Trick zeigen?" mit einem selbstbewussten "Klar!" antworten kann, anstatt sich mit irgendwelchen fadenscheinigen Ausreden aus der Affäre ziehen zu müssen. Greg ist zudem ein Meister der Misdirection und nicht zuletzt ein echt lustiger und netter Typ, der die Zuschauer mit seiner lockeren und schlagfertigen Art sofort in seinen Bann zieht. Und wer schon David Blaine gut fand, der sollte sich erst einmal Gregs DVD »On the Spot« zulegen. Es lohnt sich!

Bis zum nächsten Seminar - man sieht sich!

Frank Ollermann