65 Jahre Stolina

Seminarbericht Daryl

Daryl

Der 07. Februar 2000 begann für mich gleich mit einer besonderen Aufgabe: Daryl hatte bei Robert Fislage angerufen und darum gebeten, vom Hotel abgeholt zu werden. Da ließ ich mich natürlich nicht lange bitten: Nach einigen Aufräumarbeiten im Auto fuhr ich (mit Eva als Lotsin) zum Hotel und holte Daryl und seine Frau Alison ab. Schon vom ersten Augenblick an merkte ich, dass ich hier jemanden vor mir hatte, der nichts dem Zufall überließ: Adrett gekleidet und mit einer Frisur versehen, die mit Gel und ähnlichen Substanzen in eine perfekt symmetrische Form gebracht worden war. "Dieser Mann macht keine halben Sachen!" dachte ich bei mir. Mit freundlichem Lächeln wurden wir von den beiden begrüßt, und nach dem Einladen der Koffer fuhren wir los. Mit etwas Small Talk über das Internet, das deutsche Straßensystem und ähnlichen Themen überbrückten wir die zehnminütige Fahrt zurück zur Hans-Böckler-Straße. In der Zwischenzeit hatten sich Daryl und Alison so oft für den Abholservice bedankt, dass es mir schon fast unangenehm war.

Zunächst wurde erst einmal der Verkaufsstand (samt Kreditkarten-"Rutsche") aufgebaut. "Nanu - sind das etwa Michael und Hannah Ammar in Verkleidung?" Die Parallelen waren tatsächlich verblüffend. Die beiden ließen keinen Zweifel daran, dass sie mit dem Seminar auch Umsatz machen wollten. Beim Anblick der vielen zum Verkauf stehenden Artikel konnte einem schon mulmig werden - sollte das Ganze Seminar etwa nur aus Kunststücken bestehen, die man hier und heute kaufen musste? Für viele Kunststücke traf dies tatsächlich zu - sie waren in der gezeigten Form nur mit Hilfsmitteln möglich, die es ausschließlich bei Daryl zu kaufen gab. Allerdings möchte ich vorausschicken, dass zum einen die Kunststücke das Geld allemal wert waren, zum anderen man diese Sachen nicht unbedingt kaufen musste, um behaupten zu können, das Seminar habe sich gelohnt - es gab genügend Anregungen und Ideen, die den Besuch des Seminars zu einem sehr lohnenden Ereignis machten.

Gleich zu Beginn zeigte Daryl eine Kartenroutine, die ohne Hilfsmittel auskam und die sowohl vom Effekt wie auch vom Prinzip her im besten Sinne simpel war: "Presto Attracto Card": Zwei Karten werden auf sehr faire Weise von zwei Zuschauern gezogen (bzw. angeschaut). Die "Presto Attracto Card" findet diese beiden Karten wieder, indem sie sich genau zwischen diesen beiden Karten wiederfindet. Ein einfach zu verfolgender Effekt mit Methoden, die teilweise so frech sind, dass man schon fast aufpassen muss, nicht rot zu werden.
"Bounce Across" ist ein wirklich verrückter Effekt, bei dem (mit Hilfe des "Elasticity Sucking Straw of Death") die Sprungkraft von einem Gummiball auf einen Klumpen Modelliermasse übertragen wird, so dass man zum Schluss einen nicht springenden Gummiball und einen springenden Klumpen Plastillin hat, die beide ausgiebig untersucht werden können. Da rieben sich sogar einige "Kollegen" verwundert die Augen!
Weiter ging es mit "Fusion Illusion", einem Trickprinzip, mit dem man verblüffende Verwandlungen bewerkstelligen kann. Die ursprüngliche Idee stammt von Juan Tamariz, Daryl fügte die Verwendung von Pyropapier und einer Geldbörse aus Drahtgeflecht hinzu, um den Effekt dramatischer zu gestalten. Die Möglichkeiten sind dabei nahezu unbegrenzt - Grund genug, sich diese Ideen zu merken!
Es folgte Daryls Version der Färbemesser. Hierzu benutzte er speziell hergestellte Taschenmesser, die durch ihre Konstruktion besonders "winkelsicher" sind. Die Routine zielt klar auf Laien ab. Das "Exposing the Gimmick", das Daryl hier praktiziert, ist wahrlich nichts für schwache Nerven: Zum Schluss gibt er beide Messer zum Untersuchen ins Publikum!
Das letzte Kunststück vor der Pause war "8 Card Brainwave" - eine 3-Phasen-Routine, bei der die gewählte Karte jedesmal ein anderes Rückenmuster hat als die übrigen Karten. Wer hier Doppelbild- oder Doppelrückenkarten vermutet, der liegt gehörig daneben. Im Gegenteil - dieses Kunststück ist ideal dafür geeignet, alte, geplünderte Kartenspiele einer sinnvollen Verwendung zuzuführen. Eine sauber durchdachte Routine mit starken Effekten, die an Visualität nichts zu wünschen übrig lassen.

In der Pause mischte sich Daryl unter die Menge, was ihm sichtlich Spaß machte. Auch ohne Aufforderung zeigte er einige kleine Kunststücke oder Griffe, aber nie mit der ach so verbreiteten "Ich-zeig-Dir-mal-wie-gut-ich-bin"-Attitüde, sondern immer aus dem deutlich spürbaren Bedürfnis heraus, den Menschen mit unserer Kunst Freude zu bereiten. Ich hatte den Eindruck, dass er keine Minute seines Lebens verbringen kann, ohne zu zaubern. Der Mann ist einfach nicht zu stoppen!

Nach der Pause zeigte Daryl "Enchanted Cube": ein völlig durcheinandergebrachter Zauberwürfel (Rubiks Würfel) wird in die Luft geworfen und "löst" sich von selbst - ein Effekt, den man tatsächlich gesehen haben muss, um seine Wirkung einschätzen zu können. Leider braucht man hierfür einen speziell hergestellten Zauberwürfel. Dafür ist der Effekt aber wirklich visuell und ungewöhnlich.
Vom Hunger getrieben biss Daryl sodann ein Stück aus einem Teller heraus. Da es ihm nicht sonderlich gut zu schmecken schien, fügte er das abgebissene Teil wieder an den Teller - "Dish-A-Licious". Ein witziger Stegreif-Effekt, den man immer zeigen kann, wenn ein gewöhnlicher Teller in der Nähe ist.
Mit "Dicey Dots" folgte eine kurze Routine, bei der die Punkte eines Würfels verschwanden und auf einem kleinen Stäbchen wiedererschienen. Ein witziger, kleiner Effekt.
Als nächstes zeigte Daryl uns eine Routine, die auf dem Korallen- oder Perlentrick beruht. Zwei geliehene Krawatten werden zusammen mit einem ebensolchen Taschentuch verknotet. Zwei Ringe (Armreife o.ä.) werden aufgefädelt und wiederum verknotet. Ein Ruck - die Ringe fallen zu Boden, und der "Krawattenknoten" hat sich aufgelöst. Ein sehr verblüffend( einfach)er Effekt, den man mit geliehenen Gegenständen vorführen kann.
Zum Finale zeigte Daryl eine "Ehrgeizige-Karte"-Routine mit dem Knüllerabschluss "Ultimate Ambition Improved", der ihm eine F.I.S.M.-Goldmedaille eingebracht hat. Zum Abschluss der Routine wird das Kartenspiel mit einem Stück Seil umwickelt, um jedwede Fingerfertigkeit auszuschließen. Die "ehrgeizige" Karte wird von mehreren Zuschauern unterschrieben - sogar auf der Rückseite! Die Karte wird tatsächlich in die Mitte des Spiels gesteckt und erscheint ohne Griffe und trotz aller "Widrigkeiten" wieder oben auf dem Spiel! Ein sagenhafter Effekt! Auch hier ist allerdings wieder ein Gimmick "im Spiel". Wer aber die "Ehrgeizige Karte" vorführt und einen wirklich durchschlagenden Abschlusseffekt haben möchte, der wird beim Kauf dieses Gimmicks sein Geld gut angelegt haben.

Nach zwei Stunden ging ein professionelles und unterhaltsames Seminar zu Ende. Etwas weniger Kommerz hätte dem Seminar sicherlich gut getan, aber in den USA scheinen die Uhren diesbezüglich wohl etwas anders zu gehen. Dennoch hat sich der Besuch aus mehreren Gründen gelohnt:
Zum einen waren genügend Kunststücke dabei, die keinerlei Gimmicks oder Vorbereitungen benötigen. Einige wichtige Ideen und Anregungen waren den Besuch dieses Seminars ohnehin allemal wert.
Zum anderen ist Daryl ein echter Profi, der ebenso professionelle Kunststücke vorführt und dabei stets den Effekt im Auge behält. Nur wenige der gezeigten Routinen wären dazu geeignet, Zauberkünstler vom Hocker zu reißen - aber genau darum sollte es eben auch nicht gehen. Daryl ist es gelungen, sich ohne Kompromisse in die Perspektive des Zuschauers einzudenken - mit für "Kollegen" teilweise ungewöhnlichen Konsequenzen.
Und schließlich ist Daryl ein echt netter Kerl, mit dem man sich ganz locker und ungezwungen unterhalten kann, ohne befürchten zu müssen, als Mensch oder "Kollege" nicht ernst genommen zu werden. Dabei legt er einen so quirligen und sympathischen Humor an den Tag, dass man - wenn er es drauf anlegt - aus dem Lachen kaum noch herauskommt.

Frank Ollermann