65 Jahre Stolina

Seminarbericht Christoph-Joachim Schröder

Christoph-Joachim Schröder

Weit entlang der Hans-Böckler-Straße standen die Autos der Seminarteilnehmer, und die Kennzeichen ließen vermuten, dass zum Teil mehrere hundert Kilometer Anfahrt in Kauf genommen worden waren. Doch zu Beginn fehlte vor allem eines: der Referent. Das Dumpingangebot an einer Hamburger Tankstelle hatte bereits bei der Abfahrt zu einer staubildenden Verzögerung geführt. Mit 20 Minuten Verspätung eingetroffen, sprach Christoph der Magier, mit einer Tasse Kaffe in der Hand, dann auch zunächst darüber, dass die Hauptbelastung eines Profis im Vergleich zu vor zehn, fünfzehn Jahren weniger in den Auftrittsbedingungen als in der automobilen An- und Abreise liege. Ein ausführlicher Bericht über das Strassenzaubereifestival in Bludenz/Österreich stellte den Übergang zum Seminarthema dar. Kurz bevor sich unter den Teilnehmern eine Unruhe bzw. Unzufriedenheit über den ausgedehnten verbalen Einleitungsteil breit machte (die Schröder mit dem zutreffenden Hinweis konterte, dass die Analyse und Beschreibung von Auftrittssituationen wichtiger seien als die Befriedigung von "Trickgeilheit"), packte er seine Requisiten aus seiner Reisetasche aus, die sowohl das Strassen- als auch Teile eines Bühnenprogramms enthielten.

Bei der Konzentration auf komprimiertes Strassenauftrittsprogramm reduziert sich der Berg an Zaubergerätschaften schnell auf einige bewährte Klassiker:

  • Die Schnurstäbe (bei Christoph "türkische Schnurstäbe") bilden die ideale Eröffnung, da sie für das später hinzukommende Publikum auch ohne den Anfang interessant sind.
  • Im mittleren Teil stand beispielhaft der Eierbeutel, wie ihn Schröder fast vollständig in der klassischen Form von Otto Stolina übernommen hat.
  • Den Abschluss markierten die Odd Ropes (auch: Professor's Nightmare) mit einem überzeugenden und hervorragend getimten Vortrag über Illusionen und Wirklichkeit.

An die Darstellung der Vorzüge dieser Klassiker auch bei verschärften Auftrittsbedingungen (kleines Gepäck, umringt vorführbar, keine zeitaufwändige Präparation etc.) schlossen sich Anekdoten, aber auch Analysen von Auftrittsorten und -bedingungen an. Die Gespräche in der Pause bestätigten die Beobachtungen beim Einparken: einige Teilnehmer hatten eine zum Teil sehr weite Anreise in Kauf genommen, und viele waren zum ersten Mal bei einem Seminar in den Räumen von Robert Fislage.

Im zweiten Seminarteil nach der Pause stellte Ch. J. Schröder zwei Variationsmöglichkeiten für den mittleren Teil des oben beschriebenen Programm vor:

  • den Card Stab, das Kartenstechen einer vom mitwirkenden Zuschauer gewählten Spielkarte (das es als komplette Routine mit Requisiten nach wie vor bei Stolina Magie zu kaufen gibt),
  • das Ringsiel mit 9 Ringen in der Version "verliebt, verlobt, verheiratet" unter Mitwirkung eines Herrn aus dem Publikum und einer weiblichen Zuschauerin.

Beide Routinen wurden anschließend bis in Details der Handhabung und -haltung analysiert:

  • Wie trifft der Zuschauer tatsächlich seine gewählte Karte und nicht die Hand des Vorführenden?
    Wie kann der Schlüsselring als massiver Ring vorgezeigt werden?

Einzelheiten, die sogar denjenigen, die mit der Handhabung der Requisiten vertraut waren bzw. diese selbst vorführen, informative Neuigkeiten vermittelten. Quasi als Zugabe zeigte Schröder abschließend eine geringfügig präparationsaufwändige Variante der Odd Ropes: die Geschichte mit dem (Zuschauer-)Cowboy und dem Lasso, das als zwei ungefähr gleich lange Seile präsentiert wird, deren Unterschiedlichkeit jedoch vom (kindlichen) Publikum zunehmend lautstark beschrieben bzw. berufen wird. Nach diesen gut 3 Seminarstunden war Christoph, der Magier, nicht zu müde, auf Einzelanfragen einzugehen, wie etwa Finessen in der Seilführung beim falschen Vorzählen, seine Variante der Silver/Copper Coins etc.

Fazit: Wahrscheinlich werden sich die wenigsten der Seminarteilnehmer am nächsten schönen Frühlingstag in den Park stellen und Strassenzauberei betreiben - obwohl dies eine ernsthafte Einstiegsempfehlung des Dozenten ist. Jedoch hat die Präsentation und breite Diskussion einer Handvoll Klassiker der Zauberkunst grundlegende Kriterien der Handhabung und Vorführung so behandelt, dass sowohl die weniger vertretenen alten Hasen als auch Erstbesucher entscheidende Informationen und Anregungen mit nach Hause nehmen konnten. Vielleicht führt Gerd demnächst in Warstein mit seinen Schülern auch den Card Stab vor ... Und: Man darf dem im sic!-Verlag angekündigten Buch über Christoph-Joachim Schröder im positiven Sinne entgegenfiebern!

Uwe Möller-Lömke (Emmello)