65 Jahre Stolina

Seminarbericht Christoph Borer

Christoph Borer

The Best Of — Show and Lecture

Auf diesen Künstler habe ich mich besonders gefreut: Christoph Borer, der sympathische Schweizer Zauberkünstler, der hierzulande vor allem als eine Hälfte des Duos Anam Cara bekannt ist.

Im ersten Teil des Seminars zeigte er uns vor allem Kunststücke für den Stand-Up-Bereich.

Zunächst zeigte Christoph uns eine Version der Geldscheinwanderung. Ein Zuschauer leiht dem Vorführenden einen Geldschein, dessen Seriennummer notiert wird. Der Geldschein wird in einen Schein höheren Wertes verwandelt, den der Zuschauer natürlich nicht zurückbekommt - schließlich stimmt die Seriennummer nicht überein! Als Trost für den verloren gegangenen Geldschein des Zuschauers führt der Zauberkünstler nun einige Kunststücke vor, die den Zuschauer allerdings nicht über den Verlust des Geldes hinwegtrösten können. Schließlich weist der Vorführende auf einen Umschlag hin, der bereits seit vor Beginn der Vorführung an der Wand klebt. Der Zuschauer selbst darf den Umschlag von der Wand nehmen und sich davon überzeugen, dass die Seriennummer mit der zuvor notierten übereinstimmt: Es handelt sich tatsächlich um seinen eigenen Geldschein! Ein starker Effekt, der mit einer mittelmäßig aufwendigen Präparation zu bewerkstelligen ist. Christoph deutete hier schon seinen "Tick" an, dass er Zuschauern gerne einen präparierten Gegenstand in die Hand gibt. Eine Strategie, die sich noch einige weitere Male an diesem Abend bewähren sollte.

Es folgte ein weiterer Klassiker der Zauberkunst: der Bank-Night-Effekt. Eine Zuschauerin wählt einen von vier Umschlägen aus. Wenn Sie den einzigen Umschlag erwischt, der einen Joker enthält, gewinnt sie 10 Euro. In den anderen Umschlägen befinden sich aber immerhin noch Trostpreise, so dass die Dame auf keinen Fall mit leeren Händen die Bühne verlassen muss. Sie wählt also nun einen Umschlag und erwischt doch tatsächlich den Joker. Freude bei der Zuschauerin, Bestürzung beim Vorführenden! Das hätte wohl "etwas" anders laufen sollen ... Nun ja, schulterzuckend und etwas ratlos überlässt der Vorführende der Dame die zehn Euro - nicht jedoch, ohne noch einmal zu demonstrieren, was sich als "Trostpreise" in den anderen Umschlägen befand: ein 20-Euro-Schein, ein 50-Euro-Schein und ein 100-Euro-Schein! Eine wunderbare Version dieses Klassikers mit unpräparierten Umschlägen und einer überzeugenden Routine.

Mit Cosmos zeigte Christoph uns seine Variante des Brainwave Decks: Eine frei gewählte Spielkarte hat als einzige eine andersfarbige Rückseite als die anderen Karten eines Spiels. Eine brilliante Kombination aus verschiedenen Arten von Täuschungsprinzipien macht diesen Effekt zum einen sehr klar und stark, zum anderen aber auch sehr leicht vorzuführen. Ich freue mich schon riesig darauf, das Ganze mal auszuprobieren …

Ein weiteres Kartenkunststück war die Geisterschrift, bei dem der Wert einer sehr fair aus einem Kartenspiel entnommenen Karte auf dem Arm des Vorführenden erscheint, indem dieser Asche darauf verreibt. Man muss sich das mal vorstellen: Ein Zuschauer bekommt das Kartenspiel in die Hand, mischt es und hebt es mehrmals ab. Den Wert der dann oberen Karte merkt er sich, gibt die Karte zurück ins Spiel und mischt nochmals nach Herzenslust. Trotzdem weiß der Vorführende zu diesem Zeitpunkt bereits mit Sicherheit, welche Karte der Zuschauer sich gemerkt hat. Klasse, oder? Den Wert der Karte kann man nun auf unterschiedliche Weise präsentieren. Das Ganze lässt sich aber natürlich auch als Vorhersage- oder Gedankenlese-Experiment vorführen.

Mit diesem Effekt war der erste Teil des Seminars beendet. In der Pause stärkten sich erst einmal alle mit Kaffe und leckerem Weihnachstgebäck.

In der zweiten Hälfte des Seminars ging es dann vorwiegend um Effekte, die sich für den Close-Up-Bereich eignen.

Es ging los mit einem sehr mystischen Effekt über Zigeuner, Pentagramme und Kartenleger. Ein Zuschauer wählt aus einem bildoben ausgestreiften Kartenspiel frei eine Karte aus, die beiseite geschoben wird. Am Schluss stellt sich heraus, dass dies die einzige Karte ist, auf deren Rückseite ein Pentagramm gezeichnet ist. Diesen Effekt hatte ich schon auf der letztjährigen MZvD-Zirkeltournee von Anam Cara gesehen und war schon damals begeistert, vor allem von der eindrücklichen Präsentation und der gelungenen Themenwahl für diesen Effekt.

Beim nächsten Kunststück kam eine Abwandlung des "Out to Lunch"-Prinzips zur Anwendung. Allerdings kann man mit Christophs Methode auf Abdeckungen jeglicher Art verzichten. Der Vorführende notiert mit einem schwarzen Stift einige Wörter auf einem Notizblock. Der Zettel wird abgerissen und zusammengefaltet. Mit dem Stift als Zauberstab verwandeln sich die schwarz geschriebenen Wörter in Schriftzüge von unterschiedlicher Farbe: von rot über grün bis hin zu orange! Natürlich lassen sich mit dem cleveren Trickprinzip auch andere Effekte verwirklichen, von denen Christoph einige gute Beispiele nannte.

Mit dem Thema Las Vegas kam Christoph wieder auf das Karten zurück. Untermalt von einer netten Geschichte macht der Vorführende mit einigen Casinokarten eine Vorhersage, indem er sie verdeckt in eine bestimmte Anordnung bringt. Ein Zuschauer darf ein Spiel selbst mischen. Dann werden alle Herzkarten in der Reihenfolge aus dem Spiel genommen, in die sie der Zuschauer durch sein Mischen gebracht hat. Die Vorhersagekarten liegen in genau derselben Reihenfolge! Ob Sie es glauben oder nicht: ein waschechter Selbstgänger!

Mit einigen Runensteinen zeigte Christoph Borer, wie man einen völlig unpräparierten Beutel als Forcierwerkzeug einsetzen kann. Sehr eindrucksvoll, mit welch (technisch) einfachen Methoden man wahre Wunder vollbringen kann, wenn man nur genug über die Psychologie von Zuschauerverhalten nachdenkt. Aus einer Menge von Runensteinen wählt eine Zuschauerin einen aus. Das darauf abgebildete Runenzeichen stimmt mit einer Vorhersage in Form eines Halskettenanhängers überein. Ein sehr nettes Detail ist, dass Christoph sich vor jedem Auftritt ein für die jeweilige Zuschauerin passendes Symbol aussucht, damit das Kunststück stimmiger und wirkungsvoller ist. Nicht nur dies zeigt, wie sehr ihm sein gutes Verhältnis zu den Zuschauern am Herzen liegt.

Den effektvollen Abschluss des Seminars bildete ein Effekt, bei dem ein Zuschauer mit Hilfe eines Pendels die Karte findet, die ein anderer Zuschauer zuvor frei aus einem Spiel gezogen hat. Zu meinem Glück wusste ich zum Zeitpunkt der Vorführung noch nicht, auf welchem Trickprinzip das Kunststück basierte, so dass ich zunächst ordentlich getäuscht wurde. (Solche Momente hat man als Zauberkünstler ja leider nur noch selten.) Die raffinierte Verwendung des Kartenspiels in Kombination mit wohl druchdachten und präzise eingesetzten Denktäuschungen machen dieses Kunststück in meinen Augen zu einem wahren Geniestreich! Wunderbar, wie der assistierende Zuschauer selbst den magischen Moment erlebt! Klasse!

Hach, was war das wieder schön! Viel zu lange saß ich nicht mehr bei einem Stolina-Seminar im Publikum. Die letzten drei Seminare habe ich leider überhaupt nicht in meinen Zeitplan bekommen, und davor saß ich ja meistens mit auf der Bühne und habe übersetzt. Das letzte Mal im Publikum gesessen habe ich vor drei Jahren! Wie habe ich das nur so lange ausgehalten? Wie dem auch sei - mit Christoph Borer als "Wiedereinstieg" konnte ja nun auch rein gar nichts schiefgehen. Ein Künstler, der sich in Bezug auf seine Zauberkunst ganz offensichtlich die richtigen Fragen stellt und vor allem so gründlich über sie nachdenkt, dass er zu genau den richtigen Antworten kommt!

Mit seiner äußerst sympathischen Art hat Christoph Borer es zudem geschafft, eine sehr angenehme und entspannte Stimmung zu erzeugen. Seine Erklärungen waren präzise und verständlich, und manchmal waren die "Outs" sogar täuschender als die eigentlich geplanten Trickabläufe. Zwischendurch erzählte Christoph mit dem ihm eigenen, feinsinnigen Humor auch immer wieder lustige Episoden aus seiner Vorführerfahrung, so dass es auch immer viel zu lachen gab.

Kurzum: Ich freue mich schon auf das nächste Seminar und würde mich sehr freuen, Sie, verehrter Leser, dort (wieder) begrüßen zu dürfen!

Frank Ollermann