65 Jahre Stolina

Seminarbericht Christian Knudsen

Christian Knudsen

Christian Knudsen war auf Deutschlandtour, und bei ihm lohnt es sich immer, das Seminar zu besuchen, auch wenn man den einen oder anderen Klassiker aus seinen Veröffentlichungen kennt. Sein Buch Herzblut ist längst vergriffen und wird gerade mit überarbeiteten und erweiterten Texten neu aufgelegt. Die Sorgfalt und der flotte, journalistische Stil, die das Buch auszeichnen, sind seine Kennzeichen auch im Seminar. Er hat Charme und Schwung, und man versteht, dass er lange Zeit ein äußerst erfolgreicher Restaurant-Magier in Hamburg war und dann auf Kreuzfahrtschiffen die Welt sah und die Schiffsgäste verzauberte.

Zu Beginn führte er aus seinem Kreuzfahrt-Repertoire das »Kolumbus-Steuerrad« vor, eine Bühnenversion des Kompass-Tricks mit hübsch gereimtem Text. Nett – aber für ein Seminar ist es nicht die Eröffnung, die den Atem nimmt.

Doch wenn er dann ein Kartenpäckchen in die Hand nimmt, läuft er zur Hochform auf. Dabei behauptet er von sich selbst, er sei ein mittelmäßiger Techniker. Vielleicht ist es so. Aber worauf kommt es denn an? Er konzentriert alles auf den Effekt und die Wirkung auf die Zuschauer, und das macht – in Verbindung mit seiner unterhaltsamen Art – seinen Erfolg aus.

Sein »Spiel mit dem Feuer« ist ein Spiel der Fantasie, während das reale Kartenspiel auf dem Tisch liegt. In Gedanken werden Karten ausgewählt und verbrannt, bis aufgrund der verbalen Force nur noch drei Karten übrig bleiben, und für die gibt es ein schönes, reales Erscheinen.

»Schwamm drüber« ist Knudsens Eröffnungsroutine bei Close-up-Vorführungen. Eine Kelle, zwei Schwammbälle und ein Quietscher genügen für eine kurze und amüsante Routine, bei der sich ein Punkt auf der Kelle verdoppelt, die Punkte sich in Schwammbälle verwandeln und ein Ball sich in der Hand einer Zuschauerin verdoppelt. Nichts Besonderes? Doch. Bei seiner Vorführung ist alles so gründlich durchdacht, so präzise auf Wirkung ausgerichtet und so konzentriert im Ablauf, wie es nur ein Könner vermag. Gerade bei einfachen Routinen trennen sich ja Spreu und Weizen in der Zauberszene.

Bei »Dreimal falsch macht alles richtig« werden zwei Zuschauer auf nette Weise in die Irre geführt, denn der geniale Zauberer weiß genau, welche Karten sie nicht wählen werden. So schwer ist das ja auch nicht. Doch dies ist erst der Anfang der Routine. Und zum Schluss stimmen die Vorhersagen des Vorführenden natürlich mit den gewählten Karten überein. Eine schöne Geschichte, bei der es sehr auf die Präsentation und den Text ankommt. Etwas für Christian Knudsen, aber nicht unbedingt für jeden.

Knudsen arbeitet gern mit markierten Spielkarten und Trickkarten. Er hat ein ganzes Buch darüber geschrieben (Leuchtfeuer). Seine Routine »Glückskarte« passt sehr zu ihm. Die Erzählung ist fast poetisch, mit der sprachlichen Leichtigkeit, die Knudsen auszeichnet. Das Gerüst ist dies: Eine Karte wird vom Vorführenden auf den Tisch gelegt, dann hat der Zuschauer mehrfach die Wahl, und schließlich wählt er einen Kartenstapel, dessen oberste Karte mit der Voraussage-Karte übereinstimmt.

Träumerisch geht es zu in der Routine »Manchmal werden Träume wahr«, wobei die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwimmen. Ein Zuschauer nimmt gemäß dem Traum des Vorführenden irgendeine Karte aus dem Spiel, unterschreibt sie und bedeckt sie mit der Hand. Aus seiner Brieftasche produziert der Vorführende nun eine Karte aus einem andersfarbigen Kartenspiel, seine Traumkarte. Werden die Karten umgedreht, ist die Unterschrift des Zuschauers auf seiner Karte verschwunden und auf der identischen Traumkarte des Vorführenden erschienen. Tusch! Mit dem Rauh-Glatt-Prinzip hat sich Knudsen in einem Buch (Wellenschlag) anhand einer ganzen Serie von Routinen beschäftigt.

»Der kleine MacKnudsen« ist seine Version der MacDonald-Asse. Um die Asse deutlicher herauszuheben, geht es bei seiner Kleinpäckchen-Variante um Blankokarten, vor denen sich die schnell verschwindenden und dann in einem Kartenstapel vereinigten Asse besser abheben. Seine Stärke auch hier: Saubere Handhabung, kein Griff zu viel und im Ergebnis starke Wirkung.

Eine seit längerem bekannte Methode wurde mit dem neuen Trickkartenspiel von Card-Shark, »Doppeldecker«, perfektioniert. Damit wurde z. B. das geniale Kunststück von Christoph Borer, »Get Sharky«, wirklich brauchbar. Doppeldecker gibt es in der neuen Kartenserie Phoenix, und Christian Knudsen hat sich mit dem Spiel beschäftigt. Herausgekommen sind zwei neue Kartenwunder, die auf der Doppeldecker-Idee beruhen und ganz neue Möglichkeiten nutzen. Da liegt der Wunsch an Knudsen nahe, er möge ein weiteres Buch in der Kartenklassiker-Serie mit dem Doppeldecker-Schwerpunkt herauszubringen. Titelvorschlag: Brandung.

Was wäre ein Knudsen-Seminar ohne seine Münzroutine »Matricks«? Wer noch vier 5-Mark-Stücke in seinem Besitz hat, sollte sich damit beschäftigen, denn diese Münzen sind bestens geeignet. Seine Stärke auch hier: Volle Konzentration auf den Verkauf und kein Griff mehr als notwendig. Wo andere eine Münzenshell, eine zusätzliche Münze oder Spezialkarten einsetzen, begnügt er sich mit vier unpräparierten Münzen und Karten.

Was man bei seinem Seminar nebenbei erhält, ohne dass er darüber spricht, ist eine Lektion im freundlichen Umgang mit dem Zuschauer. Als Quintessenz bleibt, dass Reduktion auf das Wesentliche, Konzentration auf den Effekt und die innere positive Einstellung zum Publikum eine Routine stark machen. Dafür war das Seminar, an das man gern zurückdenkt, ein Beleg.

Dr. Rolf Mühlmann