65 Jahre Stolina

Seminarbericht Carl Andrews

Carl Andrews

Der Chef und Wirt des Hotels war zwar schwer beeindruckt, als ich ihm sagte, ich solle einen amerikanischen Zauberkünstler zum Seminar abholen; sein erster Satz war jedoch: "Da sind Sie hier falsch. Wir haben keinen Zauberer." Zum Glück aber wusste seine Frau Bescheid, und kurz darauf kamen Carl Andrews und seine Frau Joanie die Treppe herunter. Mit etwas Small Talk verkürzten wir die ohnehin schon kurze Fahrt in die Hans-Böckler-Straße zu Robert Fislage, und nachdem ich "im Schweiße meiner Füße" Carls extrem schweren Koffer aus dem Kofferraum unseres alten Golfs gewuchtet hatte, konnte es auch schon bald losgehen.

Carl Andrews ist professioneller Restaurantzauberer aus Hawaii. Er verdient seinen Lebensunterhalt ausschließlich mit dem Table Hopping in Restaurants und den sich daraus ergebenden privaten Auftritten. Alle gezeigten Kunststücke lassen sich "aus der Tasche heraus" vorführen, ohne dass man einen Koffer oder auch nur ein Köfferchen mit sich herumtragen müsste. Die Effekte sind dabei auf das Wesentliche beschränkt und daher wohltuend leicht nachzuvollziehen.

Wie zum Beispiel Carls Schwammballroutine "Ain't No Mo", die hauptsächlich auf Ideen des Altmeisters Albert Goshman beruht. Besonders gelungen fand ich den Vortrag, der einige witzige Wortspiele enthielt, die man aber leider nicht übersetzen konnte. Insgesamt eine wohldurchdachte, "runde" Routine, die alles bot, was man von einer guten Schwammballroutine erwartet. Nicht umsonst (so auch Carls Erfahrung) zählt der Schwammballtrick zu den stärksten Close-Up-Effekten, die man für Laien zeigen kann.

Auch "You Don't Know Jack" strotzte vor Wortspielen, die aber wiederum nur für Amerikaner witzig sind. Es handelt sich hier um eine Version von Michael Closes "The Frog Prince" (zu sehen auf Band 3 der Serie "Very Very Close"). Carl versuchte, aus der Originalroutine einen Nicht-Kartentrick zu machen, indem er sich hauptsächlich auf die Geschichte konzentriert und außerdem das Kartenspiel weglässt, so dass der reine Effekt übrigbleibt. (Klicken Sie hier, um sich eine Faltanleitung für einen Origami-Frosch anzusehen.)

"Déjà Vu" ist eine ausgeklügelte Kartenroutine mit einem geschliffenen Vortrag und einer sehr starker Wirkung. Ein Zuschauer unterschreibt eine Karte aus einem blauen Kartenspiel. Das Spiel wird dann in bester "Triumph"-Manier bildoben/bildunten gemischt. Mit einer magischen Geste ist das gesamte Spiel wieder bildunten, mit Ausnahme der Zuschauerkarte. Soweit dürfte der Effekt den meisten bekannt sein. Nun folgt jedoch der absolute Hammer: Die ganze Zeit über lag eine große Briefklammer auf dem Tisch, in die eine Karte mit rotem Rücken geklemmt war. Der Vorführende nimmt die Karte heraus und faltet sie auf. Es handelt sich um die vom Zuschauer gewählte, unterschriebene Karte!

Neben Schwammbällen und Karten durften natürlich auch Münzen nicht fehlen. Carl zeigte uns den "2 Coin Trick", eine Version des Effektes "Hopping Half" ohne Trickmünzen. Der Vorteil liegt buchstäblich auf der Hand. Zum Effekt: Eine Kupfermünze und eine Silbermünze werden in die Hand gegeben. Die Silbermünze wird in die Tasche gegeben, erscheint aber sofort wieder bei der Kupfermünze in der Hand. Dieser Vorgang wiederholt sich noch einmal. Zum Schluss gibt der Zauberkünstler zur Abwechslung die Kupfermünze in die Tasche. Daraufhin ist die Silbermünze in der Hand verschwunden; beide Hände sind leer. Das Interessante an dieser Routine ist, so Carl Andrews, dass die Zuschauer beim Schlusseffekt den Eindruck haben, man hätte beide Münzen verschwinden lassen, obwohl man die eine ganz offen in die Tasche gegeben hat. Dazu fällt mir ein Satz aus Pit Hartlings "Kleinem Grünen Heft" ein: "Schon klasse, so ein Gehirn!"

Auch Würfel lassen sich leicht in der Hosentasche verstauen, und so hat auch eine Würfelroutine den Weg in Carls Repertoire gefunden. Mit nur einem einzigen Griff hat uns Carl bestens unterhalten, dank der gut geplanten Abfolge von Effekten und dem hinreißenden Vortrag. Bei dem Effekt "Pair O' Dice" geht es um die "Vierzehner-Regel", nach der die Punkte auf den Vorder- und Rückseiten zweier Würfel zusammen immer den Wert 14 ergeben müssen. Diese Regel stellte Carl nun in immer stärker werdenden Effekten nach und nach auf den Kopf. Was man mit zwei Würfeln nicht alles machen kann!

Mit "Blackjack" zeigte Carl, wie man mit Hilfe eines Blackjack-Blattes eine Zuschauerkarte finden kann. Der Effekt ist wohl aber nur dann so richtig gut, wenn man regelmäßig Blackjack spielt. Für mich war dies jedenfalls der schwächste Trick des Seminars.

Deswegen gleich weiter zu "B. S. 101". Hier gibt es für "ganz schlaue" Zuschauer ordentlich was zu Staunen. Der Vorführende findet die Karte eines Zuschauers. So weit, so gut. Der Vorführende erklärt nun scheinbar, wie das Kunststück funktioniert ... und bringt damit alle zum Verstummen, die hinterher immer alles schon vorher gewusst haben wollen. Krönung des Kunststücks ist der Hot Shot Cut, den Carl allen Interessierten nach dem Seminar noch einmal mit der gebührenden Geduld beibrachte.

Als letztes Kunststück sei hier "Amazing" genannt. (Die Reihenfolge der hier beschreibenen Kunststücke entspricht übrigens nicht der im Seminar, und ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob ich mich an alle gezeigten Kunststücke erinnere.) Zwei Zuschauer sehen sich jeweils eine Karte im Spiel an. Die erste Karte ermittelt der Zauberkünstler durch Gedankenlesen. Beim zweiten Zuschauer findet der Vorführende zunächst scheinbar eine falsche Karte, die er dem Zuschauer auf die Hand legt. Nach einigem Hin und Her verwandelt diese Karte sich jedoch zum Schluss in die Karte des zweiten Zuschauers. Am interessantesten an dieser Routine fand ich, dass Zauberkünstler über den zweiten Effekt wohl nur milde lächeln würden, auf den ersten Effekt jedoch ganz scharf sind, während für Laien diese Abfolge genau entgegengesetzt wirkt. Für sie bedeutet diese Reihenfolge eine eindeutige Steigerung.

Neben den reinen Trickerklärungen gab Carl aber auch wertvolle Tipps, wie man von der Restaurantzauberei leben kann und was man dabei beachten muss. Ganz offen sprach er dabei auch von seinen Stundenlöhnen - ganz anders, als so einige "Zampanos", die immer mit irgendwelchen Fantasie-Gagen protzen wollen und dabei letztlich doch nur unkonkret herumdrucksen. (Ach, Sie kennen diese Spezies auch?!) Carls grundlegendeer Ansatz der Restaurantzauberei war mir neu und erschien mir auf Anhieb sympathisch. Er löst viele Probleme, die sich aus dieser Perspektive zum großen Teil als Scheinprobleme herausstellen, z.B. die Frage danach, wie man sich an einem Tisch als Zauberkünstler etabliert, wie man die Gäste für sich gewinnt und ähnliche "klassische" Table-Hopping-Probleme.

Ich habe schon einige Seminare als professionell bezeichnet. Ich möchte mich eigentlich nur ungern wiederholen, aber auch dieses Seminar war wieder sehr professionell. Man merkte Carl Andrews an, dass er die gezeigten Routinen schon jahrelang vorführt. Er hat eine unglaubliche Sicherheit erlangt und hat jederzeit Kontrolle über das Publikum und den Ablauf des Kunststücks. Gleichzeitig gibt er den Zuschauern nie das Gefühl, hinters Licht geführt worden zu sein. Durch seine angenehm zurückhaltende, aber dennoch sehr unterhaltsame Art verschafft er seinen Zuschauern ein paar Minuten verblüffende Unterhaltung. Wer die Möglichkeit hat, Carl Andrews einmal zu sehen, der sollte nicht zögern, sich von seiner Professionalität zu überzeugen.

Frank Ollermann