65 Jahre Stolina

Seminarbericht Boris Wild

Boris Wild

Aus irgend welchen Gründen ist das markierte Spiel bei Zauberkünstlern nicht sehr beliebt. Es hat immer etwas von Falschspiel und Betrügerei. Und tatsächlich denken viele Zuschauer nach einem Kartenkunststück: "Das sind bestimmt gezinkte Karten!" Aufgabe eines Zauberkünstlers ist es also, jeden Verdacht, es könne sich um ein markiertes Spiel handeln, auszuschließen. (Dies gilt im übrigen natürlich auch für solche Kunststücke, die in Wirklichkeit ganz anders funktionieren!) Nur wenige Zauberkünstler scheinen sich hierzu Gedanken zu machen. Einer von ihnen ist Boris Wild.

Am 22. Januar war er mit seinem Seminar bei Stolina Magie zu Gast. Es soll sogar Gäste gegeben haben, die es gar nicht abwarten konnten und schon am Vortag auf der Matte standen ...

Es begann mit einem Ausschnitt aus seiner FISM-Nummer von 1997, mit der er den zweiten Platz in der Kategorie Kartenkunst gewonnen hat. Boris produziert Karten aus einem Spiel, deren Rückseiten sich fortwährend färben, bis zum Schluss alle Karten eine andersfarbige Rückseite haben. Flott, aber elegant vorgetragen zur passenden Musik - mit hervorragendem Timing! Später im Seminar erklärte Boris den "Kiss-Count", der dieser Routine zugrunde liegt und der gegenüber dem Elsmley- oder Rumba-Count einige Vorteile hat.

Dann zeigte Boris uns einige Kartenkunststücke, die, wie es die Ankündigung versprochen hatte, tatsächlich wie wahre Wunder wirkten.

Zunächst verblüffte er die Anwesenden mit einer Version von Dai Vernons "Trick that Cannot be Explained". Der Vorführende macht eine Vorhersage, die er verdeckt auf dem Tisch ablegt. Aus einem Kartenspiel ermittelt eine Zuschauerin eine Karte. Und diese stimmt mit der Vorhersage überein! Eine clevere Kombination mehrere Trickprinzipien macht diese Variante besonders täuschend.

Ein etwas komplexeres Geschehen bot Boris' Version des Klassikers "Any Card at Any Number": Ein Zuschauer bekommt ein Kartenspiel ausgehändigt, das er für einen Moment verwahren soll. Ein zweiter Zuschauer nennt nun irgendeine Zahl. Ein dritter Zuschauer zieht schließlich aus einem zweiten Kartenspiel eine Karte. Der erst Zuschauer holt nun das ihm überlassene Kartenspiel wieder hervor und zählt entsprechend der freien Wahl des zweiten Zuschauers Karten auf den Tisch ab, bis er zur gewählten Zahl kommt. Wird die Karte umgedreht, ist es genau die gleiche Karte wie die des dritten Zuschauers! Da die Trickhandlung im Grunde nicht sehr einfach zu verfolgen ist, hat Boris Wild sich große Mühe gegeben, den Effekt so klar wie möglich zu inszenieren - und es ist ihm gelungen! Im Zusammenhang mit dieser Routine erklärte uns Boris sein "Instant Memorized Deck", ein Legesystem, das man sich sehr schnell aneignen kann. Entgegen dem sehr optimistsichen Titel braucht man allerdings doch wohl einige Zeit, um das System wirklich sicher zu beherrschen.

Ein ganz besonders romantisches Kunststück folgte: Eine Zuschauerin nennt ihre Glückskarte. Der Vorführende fächert die Karten mit der Bildseite zur Zuschauerin auf. Die Zuschauerin soll sich nichts anmerken lassen, wenn sie ihre Karte sieht. Aber sie soll eine starke Emotion in sich aufbauen. Diese Emotion will der Vorführende dann spüren und so die Karte finden. Nach und nach lässt der Zauberkünstler Karten zu Boden fallen, bis er nur noch eine Karte in der Hand hält: die Karte der Zuschauerin! Was sich hier ziemlich trocken liest, war für mich das eindrucksvollste Kunststück des gesamten Seminars. Boris Wild versteht es außerordentlich gut, eine ernste und romantische Stimmung aufzubauen und dem an sich simplen Geschehen eine dramatische Tiefe zu verleihen, wie man sie von "Kartentricks" sonst kaum kennt.

Zwischendurch zeigte Boris uns ein Kunststück, das bei Zauberkollegen wohl nur müdes Lächeln hervorruft, für Zuschauer jedoch unheimlich stark wirkt. Zwei Zuschauer ziehen jeweils eine Karte aus dem Spiel. Der Vorführende merkt sich in Windeseile alle noch verbliebenen Karten des Restspiels und ermittelt so, welche Karten dem Spiel entnommen wurden. Selbst Berufskartenspieler wurden hiervon schon getäuscht.

Mit dem "Bikini-Deck" zeigte Boris ein Kunststück mit einem "etwas" anderen Thema. Die Karten dieses Spiels tragen die Fotos von, sagen wir mal, gut aussehenden jungen Damen in Badebekleidung. Diese treten zur Wahl der "Miss Bikini" an. Nach und nach scheiden Damen aus dem Wettbewerb aus, bis nur noch eine einzige auf dem Podest stehen bleibt. Und der Name dieser frisch gekürte Schönheitsköngigin stimmt mit einer zu Beginn des Kunststücks deponierten Vorhersage überein! Das speziell angefertigte Kartenspiel vereint mehrere Prinzipien in sich, mit denen eine Vielzahl unterschiedlicher Effekte möglich sind. Wer, wie Boris Wild, sorgsam mit dem potenziell heiklen Vortragsthema umgeht, kann hiermit sehr eindrückliche Kunststücke zeigen.

Zum Abschluss zeigte Boris uns "Very Wild", einen kurzen, visuellen und sehr starken Karteneffekt, bei dem sich vier beliebige Karten in die vier Asse verwandeln. Die Erklärung ... gab's zu kaufen! Na ja, von irgendwas muss der Gute ja schließlich leben. Wer sich für diesen Effekt interessierte, konnte die Erklärung inklusive der speziellen Karten zu einem angemessenen Preis bei ihm erstehen.

Auf das Prinzip von Boris' markiertem Spiel möchte ich hier im Detail natürlich nicht eingehen - Interessierte können es seinem hervorragendem Buch ZauberWunder entnehmen. Nur so viel: Ich halte es für das beste System, das es derzeit gibt. Ist das System von Ted Lesley schon sehr gut, so setzt Boris Wild dem Ganzen noch die eine oder andere entscheidende Krone auf. Dadurch lassen sich die Karten zum Beispiel auch dann erkennen, wenn sie sich (noch) im Kartenband oder -fächer befinden, und zwar schneller als von der Vorderseite! Boris zog alle didaktischen Register, um sein System zu erläutern: Mit Hilfe seines Notebooks und ein paar Gags erklärte er es so gut, dass man es praktisch nicht vergessen konnte. Die sympathische und bescheidene Art von Boris Wild tat ihr Übriges dazu, dass sich dieses Seminar, nicht nur für Kartenfreaks, wieder gehörig gelohnt hat. Das nächste Seminar mit Aaron Fisher am 25.2. behandelt übrigens wieder die Kartenkunst. Ich hoffe, wir sehen uns wieder!

Frank Ollermann