65 Jahre Stolina

Seminarbericht Angelo Stagnaro

Angelo Stagnaro

Angelo Stagnaro gilt in der Zauberszene als Geheimtipp, wenn es um die Kunst des so genannten "Cold Reading" und des "Löffelverbiegens" geht. Bei Cold Reading handelt es sich um die Fähigkeit des Vorführenden, scheinbar ganz spezifische Dinge, Persönlichkeitsmerkmale und Begebenheiten über eine Person zu nennen, ohne dass er diese Person jemals zuvor gesehen hat. Auf seiner Seminartournee durch Europa war dies denn auch glücklicherweise das Schwerpunkttehma. Wenn es in Deutschland überhaupt jemals ein Seminar zu diesem Thema gegeben haben sollte, muss es schon ziemlich lange her gewesen sein ...

Angelo Stagnaro hat aber die Erfahrung gemacht, dass ein zwei-oder dreistündiges Seminar ausschließlich über Cold Reading dann doch etwas ermüdend sein kann. Deswegen zeigte er in seinem Seminar zunächst eine Reihe weiterer Mentaleffekte. Da Angelo jedoch eine sehr weit gefasste Vorstellung von Mentalmagie hat, waren einige Effekte dabei, die auch der Nicht-Mentalist leicht in sein Repertoire aufnehmen konnte.

Als Einstieg ermittelte er mit Hilfe eines Kartenspiels und einer einfachen Abzählprozedur die Telefonnummer des assistierenden Zuschauers. Da der Effekt für den Zuschauerassistenten mit einer gewissen Verzögerung einsetzt, merkt das Publikum zunächst nur am Schock des Assistenten, dass hier irgend etwas Merkwürdiges passiert. Eine sehr effektvolle Art, die Klimax eines Mentaleffekts in Szene zu setzen.

Als einen weiteren Klassiker der Mentalmagie präsentierte Angelo Stagnaro als Nächstes einen Buchtest. Ein Zuschauer nimmt ein Telefonbuch zur Hand und schlägt es an irgend einer Stelle auf. Von dieser Seite bestimmt der Zuschauer einen Eintrag und schreibt sowohl die Telefonnummer als auch den dazugehörigen Namen auf. Die ganze Zeit über dreht der Vorführende den Zuschauern den Rücken zu, so dass er nicht heimlich "spicken" kann. Trotzdem kann er korrekt die Telefonnummer und den Namen nennen. Es gibt ja meistens ein Kunststück, bei dem spontan ein ungläubiges Lachen durch den Zuschauerraum geht, sobald das Geheimnis präsentiert wird. Bei diesem Seminar war es eindeutig dieser Buchtest. Eine so einfache und geniale Lösung, dass man sich die Vorführung erst einmal trauen muss!

Auch Close-Up macht Angelo Stagnaro eine gute Figur. So verbiegt er scheinbar allein mit Gedankenkraft eine Münze in der Hand des Zuschauers. Obwohl dieses Kunststück an sich nicht viel Neues bot, hatte Angelo doch einige wichtige und hilfreiche Tipps zur effektvollen Vorführung.

Auch mit Karten wusste Angelo Stagnaro zu überzeugen. Er zeigte einen der fairsten Kartenkunststücke, die man sich vorstellen kann. Ein Zuschauer hebt das Kartenspiel ab, merkt sich die dort liegende Karte, gibt sie an einer anderen Stelle wieder zurück ins Spiel, mischt es mehrmals und hebt es mehrmals ab. Die ganze Zeit über berührt der Vorführende das Kartenspiel nicht. Er braucht es nur einmal kurz durchzusehen, um die gewählte Karte zu identifizieren. Ein Kunststück mit einem besseren Kosten-Nutzen-Verhältnis lässt sich kaum vorstellen.

Einen Klassiker der Mentaleffekte folgte: das Löffelverbiegen. Hierzu gibt es unzählige Methoden. Angelo Stagnaro zeigte derer zwei - eine ohne und eine mit Präparation. Beide hatten ihre Vor- und Nachteile, so dass sich eine Kombination beider Effekte anbietet. So vorgeführt verfehlt dieser Effekt sicherlich nie seine Wirkung.

Auch Entfesselungskunststücke gehören nach Meinung von Angelo Stagnaro zum Bereich der Mentalzauberei. Also zeigte er uns eine sehr überzeugende Methode, mit der man sich von einem Zuschauer die Handgelenke mit einem Seil fesseln lassen kann. Obwohl es so aussieht, als hätte der Vorführende keine Möglichkeit, aus dieser Fesselung zu entkommen, ist er innerhalb von Sekunden frei. Sowohl die Fesselung als auch die Entfesselung kann man dabei in aller Offenheit zeigen, ohne eine Abdeckung zu benötigen. Die Methode stammt von Ali Bongo, der sie jedoch nie veröffentlicht hat. Mein persönliches Highlight dieses Seminars.

Nach einem kurzweiligen Effekt mit einem Wackelstein bildeten die Pseudo Psychometry Bags den Übergang zu dem Teil des Seminars, in dem es um Cold Reading ging: Mehrere Zuschauer geben jeweils einen persönlichen Gegenstand in einen Stoffbeutel, während der Vorführende sich vom Geschehen abwendet. Erst nachdem die Beutel zurück auf den Zaubertisch gelegt worden sind, dreht sich der Vorführende wieder um. Er nimmt die Beutel einzeln in die Hand und "erspürt" die Persönlichkeit jedes einzelnen beteiligten Zuschauers. Dann gibt er die Dinge wieder dem richtigen "Spender" zurück. Die "Tricktechnik" im engeren Sinne war weder neu noch wichtig. Hier ging es darum, wie man praktisch ohne jegliches Vorwissen über eine Person eine Art Persönlichkeitsanalyse vornehmen kann. Mit etwas Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe kann man den Effekt noch einmal deutlich steigern. Einige Beispiele aus seiner Vorführpraxis belegten dies eindrucksvoll.

Es folgte der Teil des Seminars, der eigentlich schon einen eigenen kleinen Workshop darstellte. Die Seminaristen setzten sich paarweise zusammen, gaben sich die Hand und schrieben Dinge über den jeweiligen Gegenüber auf wie z.B. Beruf, politische Partei usw. Die Eigenschaften wurden immer spezifischer, und teilweise gab es erstaunlich hohe Übereinstimmungen. Dabei können ganz banale Informationen der Schlüssel zu einem guten Cold Reading sein. Auf jeden Fall hat dieser Teil des Seminars allen Beteiligten sehr viel Spaß gemacht.

Und so ging nach insgesamt zweieinhalb unterhaltsamen Stunden ein sehr lehrreiches Seminar zu Ende. Angelo Stagnaro ist ein ausgesprochen angenehmer Zeitgenosse, der auf der Bühne zwar richtig Gas geben kann, der privat jedoch eine sehr bescheidene und in sich ruhende Person ist. Von diesem Mann kann man viel lernen, und wer dieses Seminar bedauerlicherweise verpasst hat, kann seine wertvollen Gedanken und Tipps in seinen Büchern "Ex Nihil" und "Inter Nos" nachvollziehen. In dieser Serie werden noch weitere Bücher folgen. Da ist auch für Sie bestimmt etwas dabei!

Frank Ollermann