65 Jahre Stolina

Seminarbericht Aldo Colombini

Aldo Colombini: Mamma Mia Magic

Beim Namen Aldo Colombini dachte ich bisher eher an den Besitzer einer Pizzeria, zumal es wirklich eine solche mit dem Namen Mamma Mia gibt.
Dann der erste Eindruck: Ein großer Brummbär philosophiert vor Beginn des Seminars auf Englisch mit italienischem Akzent über das gute Gelingen (s)einer Ehe. Eigentlich fehlt nur noch, dass er seiner ebenfalls anwesenden Frau Andrea mit tiefer Bassstimme ein Liebeslied singt. Also doch das perfekte Bild eines Pizzabäckers?

Diesen Eindruck verwischt der sympathische Italo-Amerikaner, indem er wieder philosophiert. Diesmal allerdings über die Eigenart der Zauberer, immer schwierigere Griffe zu erlernen und sich gegenseitig damit zu übertreffen, obwohl der Effekt zählen sollte und nicht die Methode.

Den Beginn des "Feuerwerks der Kunststücke" macht das "Chinese Purse", bei dem eine chinesische Münze auf einem Seil zwischen zwei Knoten erscheint. Dabei wird auf das Prinzip der Scheinknoten eingegangen. Hier spricht Aldo Colombini davon, dass die Methode fast schon besser sei als der Effekt.

Vor dem nächsten Kunststück wird den aufmerksamen Seminarteilnehmern noch der Unterschied zwischen dem Publikum in den USA und Europa erklärt. In den USA lässt sich das Publikum einfach unterhalten. In Europa artet eine Vorstellung schnell zu einem Wettbewerb zwischen den Vorführenden und dem Publikum aus. Schön, wenn die eigenen Eindrücke von einem Profi bestätigt werden.
"A Book Is Better" basiert auf einem Kunststück von Peter Duffie und lässt eine gezogene und wieder ins Spiel gesteckte Karte in einem Buch erscheinen. Die Karte liegt genau bei der Seitenzahl, die durch Ziehen von drei weiteren Karten ermittelt wird. Als Aldo Colombini die Erklärung gibt, fallen zum ersten und nicht zum letzten Mal die Worte: "I'm so bad!" ("Ich bin so böse!"). Bei diesen Worten funkeln seine Augen, und er freut sich wie ein Schuljunge über die einfache Durchführung.
Dieses Funkeln setzt sich fort, wenn er das staunende Publikum an der Nase durch den "Coin Wrap" an der Nase herumführt und eine Karte, die angeblich unauffindbar ist, nach einer simplen aber effektvollen Münzenwanderung in seiner Jackentasche auftaucht.

Das nächste Kunststück basiert auf einer Idee von Kevin Kelly. Zwei Zuschauer versehen mit Lochzangen eine Anzahl von Karten mit mehreren Löchern. Eine der Karten wird ausgesucht. Es ist die gleiche Karte, die sich von Anfang an als Voraussage in einem Umschlag befunden hat. Und als sich zeigt, dass sich die Löcher auf beiden Karten an genau den gleichen Stellen befinden, ist die Begeisterung über "Double Punch" groß. Einer der stärksten Effekte des Seminars. Und wieder: "I'm so bad!"
Danach zeigt Aldo Colombini seine Ring-Seil-Routine "Ringing Around Too", und bei "Ring Up" wird ein Ehering auf ein Seil geknotet. Der Ring befreit sich: "I'm so bad!"
Und wieder kehrt der Pizzabäckertyp zu den Karten zurück. Genauer gesagt zu einem Blankospiel. Bei "Draw a Blank" ist die gewählte Karte des Zuschauers die einzige bedruckte Karte im Spiel. Ein Effekt der genauso großartig , wie seine Erzielung einfach ist. He is so bad!
Dann kam es zur Vorstellung des letzten Seminarpunktes: Der "Perpetual Calendar" ist bei der Bestätigung einer Voraussage (Karte) behilflich. An jedem Tag des Jahres ist auf dem Kalender eine Karte vermerkt. Der Zuschauer ermittelt einen Tag durch das selbstständige Auswählen einiger Karten. Und wer hätte es gedacht? An eben jenem Tag ist die sich von Anfang an in einem Umschlag befindliche Karte vermerkt.
Und das war das Seminar - aber noch nicht das Ende des Abends. Der Hauptdarsteller war so in Fahrt, dass er noch einige Zugaben gab. Während einer dieser Zugaben produzierte er sieben vom Publikum gemerkte Karten unmittelbar hintereinander auf unterschiedliche Weise. Die letzte Karte wurde per Wasserfall ans Licht gebracht. Eine visuell unglaublich ansprechende Technik.

Außerdem zeigte er noch seine kurze Seilroutine "Rope Puzzle" , bei der die reichlich vorhandene Comedy in keinster Weise von den starken Effekten ablenkte. Seine Auffassung von "Exposing the Gimmick" werden allerdings wohl eher nur die ganz Mutigen teilen.

Aber leider waren auch die Zugaben einmal beendet. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen schönen, fesselnden Abend mit einem sympathischen Herzblutzauberer mit Charisma, der es nicht umsonst in den USA geschafft hat. Und in Zukunft werde ich beim Namen Aldo Colombini bestimmt nicht mehr an Pizza denken! Denn: He is so good!

Reinhard Schlüter