65 Jahre Stolina

Seminarbericht Aldo Colombini & Rachel

Aldo Colombini & Rachel

Kaum zu glauben, aber fast genau neun Jahre war es her, dass Aldo Colombini das letzte Mal bei Stolina Magie zu Gast war. Und eins muss man dem guten Mann lassen: Gealtert ist er kaum – und vor allem innerlich hat er sich seine spitzbübische Kindlichkeit bewahrt. Mit dabei war Rachel, mit der Aldo seit einigen Jahren verheiratet ist. Aber sie ist nicht einfach nur seine Frau, auch nicht einfach nur seine Assistentin, sondern sie ist selbst Profi-Zauberkünstlerin.

Rachel eröffnete denn auch den Reigen, und zwar mit einer unterhaltsamen Gewinnspiel-Routine: Auf dem Tisch stehen eine Reihe umgestülpter, verschiedenfarbiger Papiertüten, unter denen offenbar etwas verborgen ist. Ein Zuschauer zieht aus einem Kartenspiel eine Spielkarte. Über den Geburtsmonat des Zuschauers wird eine Farbe ermittelt. Die Tüte der entsprechenden Farbe wird hochgehoben, und darunter kommt ein Trinkglas zum Vorschein, in dem die zuvor gezogene Spielkarte steht. Das sieht nach einem Volltreffer aus – bis die anderen Papiertüten hochgehoben werden und in den darunter stehenden Gläsern lauter Geldscheine zum Vorschein kommen!

Ein anderes Kunststück aus ihrem Repertoire war »Baffling Book«: Ein leicht vorführbarer Buchtest, der ohne Präparation auskommt und mit (fast) jedem beliebigen Buch vorgeführt werden kann. Neben der Standard-Vorführmethode gab Rachel uns noch Anregungen für alternative Varianten.

Auch an dem Klassiker der Zauberkunst versuchte sich Rachel – erfolreich: dem Becherspiel. Wiederum leicht in der Vorführung, besticht diese Version durch die Verwendung verschiedenfarbiger Bälle. Die unaufgeregte Routine wird zur Musik vorgeführt und endet mit einem ungewöhnlichen Finale.

Ein schöner Mentaleffekt ist »Elimination«. Hierbei entnehmen mehrere Zuschauer einem Stoffbeutel verschiedenfarbige Bälle, bis nur noch ein Ball übrigbleibt. Wie sollte die Vorführende wissen, welche Farbe der letzte verbliebene Ball hat? Nun ja, das sei hier natürlich nicht verraten. Nur soviel: Die Methode ist so einfach wie wirkungsvoll und sorgt für einen glasklaren Effekt.

Auch auf Karten versteht sich Rachel: Mit »Signed, sealed and delivered« zeigte sie eine effektvolle Variante der zerrissenen und wiederhergestellten Karte. Eine Karte wird gezogen, unterschrieben und ins Spiel zurückgemischt. Die Vorführende hält das Kartenspiel nun hinter ihrem Rücken und findet die Zuschauerkarte trotz dieser widrigen Umstände wieder. Doch damit nicht genug: Die Karte wird nun zerrissen und ein Viertel dem Zuschauer zur Aufbewahrung ausgehändigt. Die restlichen Stückchen werden nun in die Tasche gesteckt, woraufhin sich die Zuschauerkarte umgedreht im Kartenspiel wiederfindet. Es stellt sich heraus, dass die Kartenteilchen sich wieder zusammengefügt haben – bis auf das eine Viertel, das der Zuschauer noch in der Hand hält und das natürlich hundertprozentig in die Lücke passt.

Karten sind bekanntermaßen auch eine Paradedisziplin von Aldo Colombini. Dies demonstrierte er unter anderem mit »Five Card Mystery«. Bei dieser Routine verschwindet eine schwarze Karte immer wieder aus einem Päckchen mit roten Karten. Bei jeder Wiederholung des Effekts wird eine rote Karte weggelegt, bis nur noch zwei rote Karten im Spiel sind. Zum Schluss hält der Vorführende nur noch eine schwarze und eine rote Karte in der Hand. Die schwarze Karte kommt in die Tasche, erscheint aber augenblicklich wieder in der Hand. Eine unterhaltsame Routine mit überraschendem Ende.

Ein anderer verblüffender Karteneffekt ist »Composition«, bei dem der Vorführende erstaunliche Vorhersagen über die Menge an Karten macht, die er und ein Zuschauer abheben. Nach dem Abzählen der Karten, durch das sich herausstellt, dass die Vorhersagen zutreffen, liegen auf dem Tisch vier Kartenstapel. Wenn diese umgedreht werden, erblickt man auf deren Bildseite plötzlich die vier Asse. Aber das ist noch nicht alles: Werden die Päckchen ausgestreift, sind die Karten fein säuberlich nach Farben sortiert: Unter dem letzten Ass verbirgt sich sogar ein lupenreiner Royal Flash in Pik!

Der für mich visuellste Effekt aus Aldos Kartenrepertoire war »Paramount«. Bei dieser Routine wählt ein Zuschauer aus einem Kartenspiel mit blauer Rückseite eine Karte und unterschreibt sie. Die Karte wird ins Spiel zurückgemischt. Nun behauptet der Vorführende, eine perfekte Kopie der Zuschauerkarte anfrtigen zu wollen. Hierzu nimmt er eine Karte mit rotem Rücken. Dazu muss er zunächst einmal die rote Rückseite »entfärben«. Anschließend bedruckt er die nunmehr weiße Rückseite der Karte mit einem blauen Rückenmuster. Schließlich bekommt die Karte auch noch die passende Vorderseite, so dass sie jetzt mit der Zuschauerkarte perfekt übereinstimmt. Perfekt? Aber da war doch noch die Unterschrift! Nichts leichter als das: Mit einer Bewegung »druckt« der Vorführende zum krönenden Abschluss die Unterschrift des Zuschauers und hat damit die »perfekte Kopie«.

Aldo Colombini wäre nicht Aldo Colombini, wenn er uns nicht auch die eine oder andere Seilroutine hätte angedeihen lassen. Mit »Rope In« zeigte er uns eine Routine, die er schön seit Jahrzehnten vorführt und die dennoch sehr frisch daherkommt. Eine Routine, die mit »Kurz-Mittel-Lang«, »Zerschnittenes und wiederhergestelltes Seil« und »Seil mit vier Enden« einige klassische und visuelle Effekte in sich vereint.

Eine weitere Seilroutine ist »Missing Link«, bei der sich zwei ineinander verkettete Seile entketten, obwohl die Verkettung noch bis zum Schluss sichtbar ist.

Den Abschluss und aus meiner Sicht auch den Höhepunkt des Seminars bildete Aldos Version von Dai Vernons Klassiker »Ball, Cone, and Handkerchief«. Eine dem Becherspiel ähnliche Routine, bei der ein großer Ball immer wieder von unterhalb eines hohen Lederkegels verschwindet, dort wieder erscheint, sich färbt, ein Tuch durchdringt und vieles mehr. Eine wunderschöne, poetische Routine, die völlig ohne Vortrag auskommt – was Aldo, wie er selbst zugab, nicht unbedingt leichtfällt …

Schön war's wieder in Oelde. Aldo und Rachel Colombini zeigten ein sehr unterhaltsames Seminar mit leicht vorzuführenden und effektvollen Routinen für jeden guten Geschmack. Unbezahlbar die wirklich sehr guten Gags. Allein schon die Nummer mit der Armbanduhr … aber der Gag ist einfach zu gut, um ihn hier zu verraten!

Frank Ollermann