65 Jahre Stolina

Seminar Helmut Schmiedeberg: »Tricks für die Praxis«

Helmut Schmiedeberg»Tricks für die Praxis« lautet der Titel, unter dem Helmut Schmiedeberg sein Seminar bei Stolina Magie ankündigte. Wir durften also gespannt sein, was uns unter diesem vielversprechenden Titel erwartete.

Los ging es mit einem »Fast perfekten Seilzerschneiden«. Helmut Schmiedeberg, zum Zeitpunkt seines Auftrittes 76 Lenze zählend, kam gut gelaunt aus dem Off auf die Bühne. Nach einigen Anekdoten aus seinem langjährigen Künstlerleben bat er einen Zuschauer, ein Stück Seil in der Mitte zu zerschneiden. Ein Wurf in die Luft – und das Seil hatte sich wieder restauriert. Ein schneller, visueller Effekt, der aufgrund seiner Vorbereitung aber immer nur am Beginn der Show gezeigt werden kann. Von daher eben nur »fast perfekt«!

Weiter ging es mit seiner Ring-Seil-Routine. Vom Prinzip her der Klassiker. Fingerring und Seil können geliehen sein, und obwohl alles genau untersucht wurde, durchdringt der Ring das Seil. Die Reihenfolge der Effekte ist überraschend und undurchschaubar. Die Grundlage der Routine bilden sehr einfache Griffe von William Zavis und Ray Grismers. Diese Routine dürfte auch von einem Neueinsteiger der Zauberkunst sehr einfach zu erlernen sein und trotzdem ihre Wirkung nicht verfehlen.

Als nächstes kündigte der Seminarleiter ein Kunststück an, das seiner Meinung nach nicht in Vergessenheit geraten sollte. Er hat es Anfang der siebziger Jahre auf einem Kongress des Magischen Zirkels in München beim Seminar von Fred Lowe gesehen. Unter dem Titel  »Kristallhäftling« verschwindet eine frei gewählte und unterschriebene Karte aus dem Kartenspiel und erscheint  in einem mit einem Tuch bedeckten Glas. Auch dieser Effekt lässt sich nach ein wenig Übung sehr einfach präsentieren. Rudolf Braunmüller beschrieb diesen Effekt in einer seiner ersten Ausgaben der Intermagic.

Bei seinen Ausführungen zum Münztablett hat wohl mach einer eine Lehrstunde zum Thema »Mach es einfach« erhalten. Vom Effekt her vermehren sich produzierte Münzen, die laut auf ein Kellnertablett gezählt werden, in der Hand des Zuschauers. Sicherlich nichts Neues als solches, aber durchaus interessant, wie unkompliziert Scheinübergaben sein dürfen! Gepaart mit den richtigen Sprüchen zum Thema Geld darf dieses Kunststück in keinem Programm des Seminarleiters fehlen.

BildwanderungDa wir gerade  bei käuflich zu erwerbenden Requisiten waren, demonstrierte uns Helmut Schmiedeberg (s)eine Bildwanderung. Künstler und Zuschauer zeichnen je auf einer Seite  einer Tafel eine einfache Figur, auf die andere Seite ihre Unterschrift. Beide Tafeln kommen in einen Beutel. Werden sie diesem wieder entnommen, haben die Unterschriften und die Bilder die Plätze getauscht, d. h. die Unterschrift des Künstlers ist auf der Tafel des Zuschauers, die des Zuschauers auf der Tafel des Künstlers.

Bevor es in die Pause ging, bekamen wir noch eine etwas andere Version des bekannten und beliebten Würfelkastens zu sehen. Vom Effekt her treibt ein Würfel in einem Holzkasten das Publikum zum Wahnsinn, indem er immer dort auftaucht, wo ihn gerade niemand vermutet. Wenn das Publikum dann meint, eine Lösung zu haben, wird der gesamte Kasten derart zerlegt, dass nur noch die Grundform stehen bleibt. Der Würfel aber ist verschwunden. Nach einigem Hin und Her taucht der Würfel zum Schluss in einem Zylinder auf, aus dem er zuvor in den Kasten gegeben wurde.

Nach der Pause ging es mit einem Sympathietest weiter. Ursprünglich war dieses Kunststück ein Kartenklassiker, die Mentalisten machten aber ein Mentalkunststück daraus. Das Schöne an diesem Kunststück ist, dass es nicht nur ein reiner Selbstgänger, sondern dazu auch noch kinderleicht vorzuführen ist. Alles was Sie benötigen, sind mindestens zwei Zuschauer und zehn Zeichnungen. Diese können auch selbst oder dem Anlass entsprechend gestaltet sein. 2 x 5 Zeichnungen werden von den Zuschauern unter einem Tisch gemischt. Jeder nimmt sich verdeckt ein paar Karten vom Stapel und merkt sich die Anzahl. Hiernach werden die Karten egalisiert an den Vorführenden zurückgegeben. Der Vorführende zeigt jedem der Zuschauer die Zeichnungen einzeln vor und bittet den Zuschauer, sich auf die Zeichnung zu konzentrieren, die an der Stelle seiner gemerkten Zahl erscheint. Das gleiche geschieht mit dem zweiten Zuschauer. Werden die Zuschauer gefragt, an welche Zeichnung sie gedacht haben, stimmen die beiden überein.

Ein weiteres Mentalkunststück stellte Graphologie dar. Helmut Schmiedeberg verteilte sechs Zettel und Kugelschreiber im Publikum und bat die Personen, irgendetwas auf den Zetteln zu notieren. Eine Zeichnung, einen Ort, ein Ereignis. Die Zettel wurden von einem weiteren Zuschauer eingesammelt, gemischt und dann Zettel für Zettel willkürlich dem Vorführenden übergeben. Dieser konnte die notierten Begriffe zu 100 % den Personen zuordnen.

DaumenfesselEs folgte ein Ausflug in die Welt der Seile. Neben einem sehr einfachen, und dazu noch frechen, einhändigen Knotenschlagen, bekamen wir anschließend eine Version des springenden Tuches zu sehen. Der Vorführende bildet zwei lockere Seilknoten. Ein Zuschauer knotet in jeden Knoten ein Tuch, jedes in einer anderen Farbe. Die Zuschauer dürfen nun frei eine Farbe wählen. Sofort springt das Tuch der genannten Farbe vom Seil ab, und der Knoten löst sich in Luft auf. Auch dieses Kunststück ist schon über 30 Jahre alt, verfehlt aber bei passendem Publikum nie seine Wirkung!

Ein absolutes Highlight stellte die Daumenfessel dar. Ein ideales Kunststück für den Sprechzauberer! Ganz nach dem Motto »Packs small, plays big« ist dies ein Kunststück, welches in meinem Programm einen Platz finden wird. Nach einigen Tests mit den verschiedensten Varianten der Daumenfessel entwickelte der Seminarleiter schließlich seine eigene Version mit einem Stück Paketband. Das Schöne ist, dass diese Version wirklich ohne »Fummelei« und Komplikationen vorgeführt werden kann. Der Vorführende lässt sich vom Zuschauer ganz fair die Daumen fesseln. Das Band sitzt wirklich fest und kann vom Zuschauer so oft verknotet werden, wie er möchte. Danach lässt sich der Vorführende von einem weiteren Zuschauer drei Holzringe zuwerfen. Obwohl die Daumen verknotet und Hände damit zusammen sind, ist es dem Vorführenden möglich, die Ringe auf seinen Armen aufzufädeln.

Das zweite Highlight – und leider auch letzte Kunststück – lautet schlicht und einfach »Namen«. Helmut Schmiedeberg erläuterte, wie schwierig es ist, bei der Geburt der Kinder einen passenden Namen zu finden. Er habe aber eine Methode gefunden, wie dieser Prozess beschleunigt werden kann. Hierzu präsentierte er eine Liste mit den unterschiedlichsten Namen. Während er mit einer Schere an den Namen entlang fuhr, bat er einen Seminaristen, an irgendeiner Stelle STOPP zu sagen. Gesagt, getan stoppte der Vorführende auf Wunsch des Zuschauers und schnitt das Blatt zur Überraschung aller an genau dem Namen ab, den er zuvor vorhergesagt hatte.

Unterschrift an der TürAlles in allem ein sehr kurzweiliges Seminar mit einem hohen Erfahrungsschatz eines Profis. Diese Erfahrungen sind  häufig  mehr Wert, als der Trick als solches. Das Schönste aber ist und war, dass alle Kunststücke tatsächlich ohne große Fingerfertigkeit waren und – wie das Seminar versprach – tatsächlich für die Praxis taugen.

Carsten Risse