65 Jahre Stolina

Seminar Christian Knudsen

Das BlattZum mittlerweile vierten Mal nach 2002, 2005 und 2010 war Christian Knudsen bei Stolina Magie zu Gast. Leicht verspätet (Stau am Westhofener Kreuz) traf er an diesem sonnigen und milden Oktobernachmittag in Oelde ein. Trotz der Strapazen war er guter Laune und zum Plaudern aufgelegt. Als Profi war er auch schon bald so weit, dass es losgehen konnte.

Sein Seminar hatte den Schwerpunkt »Geschichten« Und dazu passend ging es gleich los. In »Das Blatt« geht es um die tragische Geschichte einer Mutter, einer Tochter, eines todgeweihten Künstlers und eben um ein Blatt – genauer gesagt: um ein herbstliches Laubblatt, das in Papier eingewickelt wird und sich magisch auf dieses Papier druckt. Tricktechnisch war diese Routine wahrlich nichts für »Neu-Gierige«, aber die rührende Geschichte, untermalt mit leiser Klaviermusik und überzeugend vorgetragen von Christian Knudsen, macht daraus ein sehr stimmungsvolles und magisches Erlebnis.

Mit »Schwere Türen« folgte eine weitere, diesmal weniger melancholische Geschichte über einen Mann und eine Frau, die in einen Raum mit schweren Türen eingeschlossen werden. Oder wird doch nur der Mann eingeschlossen? Man mag gar nicht von einem Päckchentrick reden, aber rein technisch ist es wohl einer. Durch die Verwendung von Gypsy-Karten, die alt und abgegriffen aussehen, entsteht eine ganz andere Stimmung, die mit üblichen Kartentricks nicht mehr viel gemein hat.

»Die Karte in der Tasche« ist ein Selbstgänger, der trotzdem eine sehr starke Wirkung hat: Eine vom Zuschauer gewählte Karte soll sich im Spiel umdrehen. Leider tut sie das doch nicht. Stattdessen hat sich eine andere Karte umgedreht. Macht nichts: Die Zuschauerkarte hat ein noch viel größeres Wunder vollbracht: Sie ist aus dem Kartenspiel verschwunden und in die Jackentasche des Zauberers gewandert. Noch einmal wird die Karte ins Spiel gegeben, und schließlich dreht sie sich tatsächlich um. Wie gesagt: alles auto-magisch!

Auch »Die Flugkünstlerin« braucht praktisch keine Fingerfertigkeit und ist dennoch stark in der Wirkung. Es handelt sich um eine Variation von Larry Jennings' »The Visitor«. Die Karte des Zuschauers wird zwischen die zwei schwarzen Könige gegeben. Von dort wandert sie zunächst zwischen die zwei roten Könige (obwohl diese in einem anderen Päckchen liegen) und schließlich wieder zurück zwischen die beiden schwarzen Könige.

Mit den Kannibalenkarten folgte ein weiterer Klassiker, wieder in Form einer Geschichte dargeboten, die viel Raum für Gags bietet.

Karten, Karten, KartenDie letzte Routine vor der Pause war »Der gütige Fremde«, eine Homing-Card-Routine, bei der eine Karte immer wieder in ein Kartenpäckchen wandert, obwohl sie zuvor jeweils in ein Glas abgestellt wurde. Die dazu wunderbar passende Geschichte handelt von vier Freunden, von Tod und von Erlösung. Ein würdiger Abschluss des ersten Teils.

Nach der Pause zeigte Christian uns den Rosenspiegel aus der Werkstatt des vor einigen Jahren verstorbenen Tony Lackner. Drei auf einem Spiegel abgebildete, weiße Rosen färben sich zunächst rot und dann wieder weiß. Das klingt zunächst einmal nicht besonders spektakulär, aber wieder ist es die Geschichte dazu, die das Ganze zu einem Augen- und Seelenschmaus werden lässt.

Als Nächstes kamen wieder die Gypsy Cards zum Einsatz. Passend zu deren Äußeren ging es in der Geschichte zu dieser Routine um einen Quacksalber, der mit einem Wunderelixier, so auch der Name der Routine, die Pest zu heilen verspricht. Diese Geschichte machte aus einer ansonsten klassischen Öl-und-Wasser-Routine ein eindrückliches und stimmungsvolles Wunder.

»Die Tagträumerin« führt man offenbar am besten mit einer Zuschauerin vor. Christians unmissverständliche Worte jedenfalls waren: »Ich glaub, ich brauch jetzt mal 'ne Frau.« Der Effekt ist sehr eindrucksvoll: Eine Zuschauerin unterschreibt eine Karte aus einem blaurückigen Spiel und hält ihre Hand darauf, damit der Zauberkünstler auch ja nichts an ihr (also der Karte) manipulieren kann. Nun holt der Zauberkünstler seine Brieftasche hervor und zeigt, dass sich darin eine Spielkarte mit rotem Rücken befindet. Angeblich hat er diese Karte als Vorhersage dort deponiert. Tatsächlich zeigt sich, dass es sich um eine Karte mit demselben Wert wie dem der Zuschauerkarte handelt. Doch damit nicht genug: Die Zuschauerin dreht ihre Karte um, auf die sie doch so gut aufgepasst hatte, und findet dort ihre Unterschrift plötzlich nicht mehr vor ... denn die ist auf die Vorhersagekarte gewandert, die der Zauberkünstler schon lange vor der Vorführung in seine Brieftasche gesteckt hatte! Eine hervorragend konstruierte Routine, vor allem deshalb, weil in den Augen der Zuschauer nicht etwa eine Karte, sondern nur die Unterschrift wandert.

Es folgte »Der vierte Wunsch«, eine Variante des kleinen MacKnudsen, der wiederum eine Variante des berühmten MacDonald's Vier-Ass-Tricks ist: Vier Asse werden auf dem Tisch ausgelegt. Auf jedes Ass werden drei indifferente Karten gelegt. Nach und nach verschwinden drei der Asse aus ihren Päckchen, und schließlich zeigt der Vorführende, dass sie alle zum vierten Ass gewandert sind. Auch hier machte die stimmige Geschichte einen Großteil der Wirkung aus. Der ohnehin schon eindrucksvolle Effekt wirkt durch sie und durch die Verwendung der Gypsy-Karten noch deutlich stärker.

Die mittlerweile vierte UnterschriftZum Abschluss zeigte Christian und noch »Das Zauberwort«. Tricktechnisch schloss sich der Bogen, den Christian mit seinem ersten Kunststück aufspannte; mehr sei hier nicht verraten. Ein Geldschein verwandelt sich in ein unbedrucktes Stück Papier. Normalerweise führt man diesen Effekt ja immer andersherum vor – wer hat schon Interesse daran, Geld in wertloses Papier zu verwandeln? Einmal mehr getragen von einer maßgeschneiderten Geschichte, wirkt diese Routine aber gerade dadurch besonders stark.

Ein Seminar über die magische Macht des Wortes – so könnte man diesen Nachmittag zusammenfassen. Christian Knudsen zeigte uns, wie stark ein Zauberkunststück allein durch eine dazu passende Geschichte wirken kann. Zugegeben: Das Erzählen von Geschichten zu Kunststücken ist nicht jedermanns Sache – gerade dann, wenn sie eher melancholisch und tiefgründig sind. Aber vielleicht traut sich der eine oder andere nach diesem Seminar ja einmal, es auszuprobieren. Wie wir erleben konnten, kann man mit einer guten Geschichte aus fast jedem Anfängertrick ein eindrückliches Kunststück machen. Und ein weiteres Fazit dieses Tages: Die deutsche Zauberszene kann sich glücklich schätzen, einen so kreativen und sympathischen Künstler in ihren Reihen zu haben.

Text und Fotos: Frank Ollermann

Weitere Informationen über Christian Knudsen finden Sie auf seiner Website christianknudsen.de.