65 Jahre Stolina

Seminarbericht Arsene Lupin

Arsène LupinSeinen Künstlernamen hat er einer bekannten französischen Romanfigur entliehen, denn sein bürgerlicher Name Stawomir Piestrzniewicz erschien dem ausgebildeten Radiologen nicht geeignet für die angestrebte Karriere im Zauber- und Showgeschäft. Seine Wünsche haben sich erfüllt. Heute ist Arséne Lupin Polens bekanntester Magier, ein Allround-Künstler mit einer ungeheuren Erfahrung. Er beherrscht fast alle Sparten der Zauberkunst. Als Manipulator erhielt er bereits beim FISM-Kongress 1982 einen Preis. Später errang er zwei weitere FISM-Preise, dabei einen für Erfindungen. In seinem Heimatland ist er äußerst populär durch seine großen TV-Zaubershows, und schließlich ist er ein international bekannter Hersteller und Lieferant von Zauberartikeln und -requisiten. Kurz: ein Multitalent.

Bei Stolina präsentierte Arséne Lupin in dem ihm eigenen, eleganten Stil sein neues Seminar, was er (zu bescheiden) einen ersten Versuch nannte, an dem es noch zu feilen gebe. Doch das kann höchstens für die Effektauswahl oder –reihenfolge gelten, denn die perfekte Präsentation beruht auf seiner langen Praxis. Sein Schwerpunkt ist Stand-up. Die aktuell ausufernden Kartentricks mag er nicht, obwohl man ihn im Internet auch als »Kartenhai« erleben kann. Als Requisiten-Händler bot Lupin zu allen vorgeführten Routinen die komplette Ausstattung an, die aus eigener Herstellung stammt.

Seine Zigaretten-Routine nimmt mit einer skurrilen Geschichte, bei der dreimal eine brennende Zigarette in der Hand verschwindet, plötzlich Fahrt auf, es gibt Feuerwerkeffekte und sehr verblüffende Verwandlungen in eine Zigarre und eine Pfeife. Lupins genaue Darstellung der Einzelabläufe und des Timings bei dieser Routine zeigen, wie intensiv er sich mit den Routine-Einzelheiten auseinandergesetzt hat, um perfekte Illusionen zu erzeugen.

Arséne Lupin stellt auf den Tisch ein kleines Holzkistchen, aus dem mehrere große Tücher gezogen werden. Die Vorder- und Rückseite werden entfernt. Das Kästchen ist leer. Dies ist der Auftakt zu einer unglaublichen Produktion. Aus der immer wieder leer gezeigten Neverending Box sind schließlich 16 unterschiedliche Getränkedosen und 90er Tücher, Tücher, Tücher erschienen – ein sehr eindrucksvolles Schlussbild. Das Besondere sind auch hier die eigenen Ideen und Entwicklungen von Arséne Lupin, mit denen er bekannte Prinzipien deutlich verbessert.

Aus seinem aktuellen Bühnen-Programm zeigt Arséne Lupin die Ring-Illusion, allerdings nur auf einem Laptop, da er ohne Assistentin reist. Es ist eine klassische Bühnenillusion, und deshalb auch nur für entsprechende Programme geeignet: Eine durch große Metallringe gefesselte Partnerin wird kurze Zeit mit einem Tuch den Blicken der Zuschauer entzogen. Wird das Tuch entfernt, steht sie befreit neben den Ringen. Die Ringe sind unpräpariert und können mit Hilfe eines Zuschauers angebracht werden. (Siehe Video auf YouTube)

Tücher sind heute nicht mehr im Fokus der Zauberei, aber Lupin zeigt mit temporeicher Vorführung und zwei unterschiedlichen Musikstücken als Untermalung, dass ein Tücherprogramm wie Silk Routine modern gestaltet werden kann. Allerdings wird es nichts nützen, alte Tücher aus dem Zauberschrank zu holen, denn Lupins Routine und Requisiten benötigen pfiffige Präparationen, die nur etwas für handwerklich begabte Zauberer  sind. Übrigens: In Heft 12 (2009) der Zeitschrift Magie, deren Titelgeschichte der Zauberkunst von Arséne Lupin gewidmet ist, ist diese Routine von ihm ausführlich beschrieben.

Gleiches gilt für Mental Clock, seinem – wie er selbst sagt – stärksten Mentaltrick. Ein Spiel mit groß aufgedruckten Zahlen wird von einem Zuschauer gemischt, 16 Karten werden abgezählt und in vier Häufchen gelegt. Diese werden auf eine »Mentaluhr« gesteckt, wovon drei Päckchen wieder auf Zuruf eliminiert werden. Das letzten vier Karten werden von Lupin einzeln auf die »Uhr« gesteckt und umgedreht. Erst langsam wird den Zuschauern klar: Die durch Zufall bestimmte Kombination der Ziffern stimmt auf die Minute mit dem aktuellen Zeitpunkt überein. Ein Hammer!

PublikumWer einmal »Ring, Watch and Wallet« von Tommy Wonder und später die daraus abgeleitete Routine »Mugged« von Rich Marotta gesehen hat (beide bei Youtube unbedingt ansehen!), der wird auch »Albtraum« von Arséne Lupin lieben. Es ist ein genialer Effekt mit folgender Story: Ein Räuber überfällt einen Zauberer. Er nimmt ihm Geld, Uhr und Ring und trägt sie in einem Tuch nach Hause. Dort stellt er fest: Er hat weder das Geld noch den Ring noch die Uhr. Denn diese hat der Zauberer wieder am Finger, am Arm und in der Brieftasche. Während die aufwendige Technik von Tommy Wonder  nur von Fachleuten nachgebaut werden konnte, wurde das Trickprinzip von Marotta und jetzt von Arséne Lupin radikal vereinfacht und sozusagen alltagstauglich gemacht. Vielleicht werden wir diese schöne Routine mit den Requisiten von Lupin jetzt häufiger sehen.

Mit dem Kolumbus-Steuerrad, dem glänzend vorgeführten Wasserschalen-Trick und weiteren Routinen ging das Seminar nach fast drei kurzweiligen Stunden zu Ende. Unterhaltsam waren neben den Routinen auch die vielen eingestreuten Bemerkungen über Tempo und Entspannung, über den Einsatz von Musik, über die Wirkung von Kleidung und kleinen Accessoires. Arséne Lupin wird in sehr guter Erinnerung bleiben.

Manchmal liest man in Fachzeitschriften Kritik, ein Seminarleiter habe das Seminar zum Verkaufen genutzt. Um es klar zu sagen: Dies war ein Verkaufsseminar. Zu allen Routinen konnte das notwendige Material erworben werden. Und es ist mir unverständlich, was daran schlecht  sein soll, denn alle Teilnehmer waren offenkundig mit diesem Angebot zufrieden. Wenn sich richtige  Käufertrauben beim Vorführenden bilden, hat dieser mit Sicherheit Routinen geboten, die für die Programme der Seminaristen interessant sind. Es ist wohl in der Seminarpraxis inzwischen umgekehrt: Heute wird erwartet, dass neben Vorführung und Theorie auch Produkte und Gimmicks angeboten werden.

Dr. Rolf Mühlmann