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Willi Wessel
 

Wer als Zauberer in Hollywood lebt, hat es gut. Jede Woche kann er ins »Magic Castle« gehen und dort Zauberkünstler aus aller Welt erleben. Vor allem in den »goldenen Jahren«, als Dai Vernon an seinem Stammplatz saß und Jünger und Schüler um sich scharte, war das »Castle« der Fixpunkt der Zauberszene.

Das ist vorbei; Vernon und einige seiner besten Schüler sind nicht mehr. Auch daher können sich die 25 Zauberfreunde glücklich schätzen, die am 29. September in Oelde mit und über Willi Wessel staunen durften. Er holte in seinem Seminar das »Magic Castle« für ein paar kurze Stunden nach Ostwestfalen.

Willi Wessel ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der deutschen Close-Up-Szene. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der Zauberkunst. Die Klassiker haben es ihm besonders angetan. Das mag auch daran liegen, dass er vor vielen Jahren mit drei Berliner Zauberfreunden Dai Vernon und Larry Jennings höchstpersönlich eingeladen hatte und sich so direkt von zwei der einflussreichsten Close-Up-Experten der letzten Jahrzehnte inspirieren ließ.

Die Kunststücke, die Willi Wessel im Seminar präsentierte, wurden alle von ihm erweitert und an seinen Vorführstil angepasst. Dabei achtet er besonders darauf, den Effekt sehr klar und visuell umzusetzen. Neben der herausragenden Technik (so viele verschiedene Palmage-Techniken habe ich in einem Seminar noch nie gesehen) gefiel dabei vor allem die Ablenkung (»Misdirection«), sei es mit seinem trockenen Berliner Humor oder mit Mimik und Gestik.

Alle Effekte einzeln zu besprechen, würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen. Daher gebe ich – mit Willis freundlicher Erlaubnis – eine Inhaltsangabe mit den Quellen der Kunststücke wieder und kommentiere diese kurz.

Hit the Aces – Ed Marlo (The Cardician, Page 74, Ireland Magic Company, 1953)

Lokalisierung – Erhard Liebenow mit PROPHESY-Move von Bill Simon (ROYAL FLUSH, Seite 68 – Berlin 1976)
Ein tolles Eröffnungskunststück, bei dem aus einem vom Zuschauer einwandfrei gemischten Kartenspiel vier Karten eines Wertes herausgefunden werden. Das zweite Kunststück, bei dem die vier Karten zunächst sehr fair ins Spiel zurück gemischt werden und dann vom Zuschauer wieder »entdeckt« werden, schließt hervorragend an das erste an.

China / Silver – Wessel (nach Barry Govan)
Eine klassische Münzwanderung, die Willi Wessel so konstruierte, dass immer nur eine Münze zu sehen ist. Außerdem wurde eine der Münzen vom Zuschauer markiert. Der Effekt wurde so sehr klar und die bei manchen Routinen aufkommende Verwirrung (»Wo war noch mal die Silbermünze?«) wurde vermieden.

A Chinese Classic (Coins through Table) – Dai Vernon (The Dai Vernon Book of Magic by Lewis Ganson, Page 41)

The Table – David Roth (Expert Coin Magic, Page 266)
Absolut verblüffend – besonders interessant waren die Feinheiten beim »Han Ping Chien«-Move.

The Portable Hole – David Roth (Expert Coin Magic, Page 264 … und in deutsch: Coinmagic, Seite 71, von Richard Kaufmann, Edition Volker Huber, Übersetzer: Michael Dörmann)
David Roth habe ich vor einiger Zeit mit eben dieser Routine gesehen. Ich bin mir nicht sicher, welche Vorführung mir besser gefallen hat …

Climax for a Dice Routine – Dai Vernon (The Dai Vernon Book of Magic by Lewis Ganson, Page 183)
Ein tolles Kunststück mit einem sehr schönen Klimax. Ideal für »Table Hopping«.

Seil-Ring Routine – Wessel (Seil-Ring-Routine, 1984)
Wer Seil-Ring-Effekte vorführt, wird hier fündig. Faszinierend ist der von Willi Wessel entwickelte Griff, mit dem man den Ring scheinbar eindeutig vom Seil befreit. Die größte Stärke ist aber – wie bei fast allen Kunststücken des Seminars – der Aufbau der Routine.

Coin Cut – Larry Jennings (Card and Coin Handling, Page 14)
Dieser Effekt faszinierte vor allem durch eine freche Münzübergabe von der einen Hand in die andere unter dem Tisch.

Karten-Fingerguillotine – Routine: Wessel (Händlertrick)
Eines der wenigen Kunststücke, die Willi Wessel nach dem Seminar verkaufte. Insbesondere für »Table-Hopping« hervorragend geeignet.

Der Geschicklichkeitstest – Routine: Wessel
Zu einer netten Geschichte präsentierte Willi Wessel seine Variante von »Zigarette durchdringt Münze«.

The Miser's Miracle – Jerry Andrus (Broschüre, erhältich z.B. bei L&L Publishing)
Ein Hammer! Aus zusammengelegten Karten erscheinen insgesamt vier Münzen. Insbesondere das letzte Erscheinen rief beim Publikum Erstaunen hervor – sie erscheint zwischen zwei Karten-Vierteln, die deutlich kleiner als die Münze selbst sind.

Sandwich Combination – Chris Powers, Wessel
Sandwich-Effekte gibt es »wie Sand am Meer«, sagte Willi Wessel. Diese sehr stimmige Kombination zeigte exemplarisch den pfiffigen Routinen-Aufbau, der alle Kunststücke des Seminars auszeichnete.

Open Travelers – Larry Jennings (Classic Magic of Larry Jennings, Page 122)
Diese tolle Routine leitete zwei der schwierigsten Effekte des Seminars ein. Willi Wessels Variation des »Tent Vanish«, mit der er die Asse verschwinden ließ, ist hervorragend.

Ambidextrous Travelers – Larry Jennings (Classic Magic of Larry Jennings, Page 233 und Video/DVD: Paris Super Session)
Für mich das Kunststück des Seminars. Der Routinenaufbau von Larry Jennings ist unglaublich. Die Vorführung, technisch auf höchstem Niveau und mit vielen Feinheiten in der Präsentation, wurde zunächst mit ungläubigem Staunen und dann mit tosendem Applaus belohnt.

»Das wusste ich« (I really knew it) – Michael Hout (7 By, Page 5, David Acer)
Ein toller kleiner Päckchentrick, der trotz (oder wegen) seiner Einfachheit ankam. Ich bin mir sicher: Den dafür notwendigen Kartensatz haben inzwischen fast alle Seminarteilnehmer gebastelt.

»Ich bin's« (Wessel Version nach Händlerwerbung im Internet)
Ein humorvolles, kurzweiliges Finden einer Karte, kombiniert mit einem absolut verblüffenden Färbe-Effekt. Dazu präsentierte Willi eine praktische Variante, wie er das notwendige »Gimmick« auf das Spiel lädt.

ESJoker – Doug Conn (Tricks of my Trade-The Magic of Doug Conn by Paul Cummins, Page 15)
Eine pfiffige Routine, die aus einem einfachen Griff (Prophesy Move von Bill Simon, siehe erstes Kunststück) einen tollen Effekt macht.

Grown up Hofzinser – Roy Walton (Complete Walton, Page 166)
Der perfekte Trick um den Top Change zu trainieren. Als »Belohnung« erhält man den interessanten Effekt, dass eine Riesenkarte mit einer »normalen« Karte Wert und Farbe tauscht.

Half Moon Rising – Joe Rindfleisch/Gene Maze (Semi Automatic Card Tricks, Vol. 2, Page 43 / Steve Beam)
Ein »Kartensteiger einfach« mit einem vollkommen unpräparierten Kartenspiel. In den umfangreichen »Semi Automatic Card Tricks«-Bänden von Steve Beam war der Effekt leicht zu übersehen ;ndash; gut, dass ihn Willi Wessel für uns entdeckt hat.

Five Coins and a Glass – Dai Vernon (Pallbearers Reviev, Close-up Folio # 8, Vernon Issue Part 2, Page 1001, Five Coin Routine und … The Lost Inner Secrets Vol. 1 Page 191 by Stephen Minch, L&L Publishing)
Ein würdiger Seminarabschluss. Nicht viele werden sich an diese Routine heranwagen, die noch einmal durch ihren logischen Aufbau und die effektiv eingesetzten Techniken überzeugte.

Die Zauberer können sich bei Robert Fislage bedanken, dass er Willi Wessel davon überzeugt hat, dieses Seminar zu halten. Wer nicht dabei sein konnte sollte hoffen, dass Willi seine Lieblingskunststücke bald wieder hervorholt. Ich jedenfalls werde dabei sein.

Benedikt Grindel

 

 
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