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Eine halbe Stunde
nach Mitternacht verließen Lee Asher und die letzten
Seminarteilnehmer den Ort des Geschehens - nein, nicht den Seminarraum
von Robert Fislage, sondern eine kleine Oelder Kneipe, wo zuvor
in geselliger Runde einige Erfrischungsgetränke genossen wurden.
Aber vielleicht sollte ich erst einmal von vorne anfangen!
Ein recht beschaulicher
Kreis von knapp 30 Teilnehmern hatte sich in Oelde zusammengefunden,
um Lee Asher, den innovativen und kreativen Kartenkünstler
aus Las Vegas, zu erleben. Aber wie so oft war auch diesmal die
Anzahl der Zuschauer kein Maß für die Qualität des
Seminars - wir erlebten einen sehr interessanten, sehr lohnenden
und vor allem sehr, sehr lustigen Abend.
Zunächst
stellte Lee klar, dass er es eigentlich hasse, auf der Bühne
zu stehen und den still lauschenden Seminarteilnehmern stundenlang
etwas zu erzählen. Viel lieber habe er eine interaktive Workshop-Atmosphäre,
die sich bei einer so geringen Teilnehmerzahl wie an diesem Abend
auch ganz gut realisieren ließ. So wurde gleich deutlich,
dass wir keinen Oberlehrer vor uns hatten, sondern jemanden, der
Freude an der Zauberei hatte und auch locker genug an die Sache
heranging, um Zwischenfragen, Kommentare oder kritische Anmerkungen
zu vertragen.
Er
begann sein Seminar mit "The Ripper", einer visuellen
und schnellen Vier-Karten-Produktion, die regelmäßige
Seminarteilnehmer schon vom Pit-Hartling-Seminar her kannten. Eine
Nachfrage ergab jedoch, dass dieser Griff ein Lee-Asher-Original
ist. Lee benutzt diese Produktion gerne, um beim Table Hopping das
Eis zu brechen und sich eindeutig und schnell als Zauberkünstler
"auszuweisen".
Als nächstes zeigte Lee uns zwei Griffe für sein Lieblingsthema:
die ehrgeizige Karte. Zum einen "Slap Happy", eine
direkte, sehr schön aussehende und trotzdem leicht vorzuführende
Sequenz, bei der die Zuschauerkarte von der Mitte des Spiels nach
oben wandert; zum anderen "The Ripple", ein sichtbares
(!) Wandern der Karte an die oberste Stelle des Spiels.
In diesem Zusammenhang erklärte Lee uns auch sein Dublieren
"Diving Board Double", und zwar sowohl in der nicht-akrobatischen,
als auch in der akrobatischen Version. Spätestens bei der akrobatischen
Version dieses Griffs hatte Lee uns alle restlos davon überzeugt,
dass wir hier einen absoluten Virtuosen der Kartenkunst vor uns
hatten: Die dublierte (!) Karte fliegt in mehreren wirbelnden Drehungen
ca. 30 cm (!) in die Luft und landet bildoben (!) wieder
auf dem Kartenspiel. Die ausgeprägte Lässigkeit der Vorführung
sorgte dabei für ausgiebiges Gelächter.
Nachdem wir uns alle von diesem Schock erholt hatten, ging es weiter
mit "Joking Around". Die Zuschauerkarte wird ermittelt,
indem aus einer anderen Karte eine Art Scherenschnitt gebastelt
wird - ideal übrigens zum Verschenken.
Es folgte die "Finger Box of Death" - eher ein
visueller Gag als ein tatsächliches Zauberkunststück.
Dennoch ließ es an Wirkung nichts zu wünschen übrig:
Aus einer Karte wird eine Art Schachtel gebastelt, in die der Vorführende
seinen Mittelfinger steckt. Dieser wird dann in alle möglichen
und unmöglichen Richtungen verbogen, während die Mittelfingerspitze
immer zu sehen bleibt. Wenn man einmal wirklich nichts zu zaubern
dabei hat, sollte man sich an diesen Effekt erinnern!
Als letzten Griff vor der Pause zeigte Lee uns mit der "B.S.Control"
eine Mehrfachkontrolle, die an Direktheit nicht zu überbieten
sein dürfte und dennoch sehr täuschend ist - Eigenschaften,
die man übrigens bei vielen von Lees Kunststücken findet.
Vier Karten werden an unterschiedliche Stellen ins Spiel gegeben
und sind mit einem einfachen Abheben oben auf dem Spiel - genial!
In
der Pause beantwortete Lee Fragen, die bis dahin aufgetreten
waren und war für alle möglichen Späße zu haben.
Nicht zuletzt den Diving Board Double (akrobatische Version) zeigte
er immer wieder gerne. Aber er gab einigen auch schon eine kleine
Vorschau auf den zweiten Teil des Seminars. Doch dazu gleich mehr...
Den Auftakt
der zweiten Seminarhälfte bildete "Hole In the Head",
eine Matrix-Routine, die so anfängt, wie man es schon kennt,
aber so aufhört, wie man es wohl noch nie gesehen hat. Die
letzte Münze verschwindet sichtbar von der letzten Karte, die
dann mit gespreizten Fingern gehalten wird. Dabei steht der Vorführende
Meter vom Tisch entfernt, auf dem schließlich unter der letzten
Karte die Münze wiedererscheint.
Mit "Pulp Friction" zeigte Lee uns nicht nur seine
Vorliebe für intelligente Kunststück-Titel, sondern auch
eine sehr, sehr direkte Methode, eine Karte nach unten zu kontrollieren.
Wer die Unterfächertechnik von Hofzinser oder die Perpendicular
Control von Juan Tamariz kennt, wird hier eine interessante Alternative
finden, die diese beiden Methoden meiner Meinung nach sogar noch
in den Schatten stellt. Eine absolut praktikable, ökonomische
und täuschende Kontrolle.
Bei "Deuce Bag" verwandelt sich der Joker, der
sich in einer verschlossenen, durchsichtigen Tüte befindet,
in die Zuschauerkarte. Die Methode ist dabei so direkt, ja fast
frech, dass man bei der Vorführung eigentlich leicht rot anlaufen
müsste.
Mit "Thunderbird" folgte eine kurze und sehr visuelle
Vier-As-Produktion. Nach Lees Angaben handelt es sich hierbei um
die ersten acht Sekunden seiner FISM-Routine, die er 1997 in Dresden
vorführen wollte. Leider kam es nicht dazu, weil er bis dahin
so lange gebraucht hatte, diese Sequenz auszutüfteln und einzuüben.
In Lissabon war er letztes Jahr nur als Besucher - man sieht sich
also 2003 in Den Haag!
Den
krönenden Abschluss bildete Lees wohl bekannteste Routine,
die er einigen bereits in der Pause vorgeführt hatte: der "Asher
Twist". Es handelt sich hierbei um eine Version von Dai
Vernons Klassiker "Twisting the Aces". Es finden allerdings
keine umständlichen Elmsley-Counts oder sonstige Grausamkeiten
statt, sondern hier hat die Zaubererwelt die wohl direkteste Version
dieses Effektes, die überhaupt denkbar ist. Nach jedem Ausfächern
der bildoben liegenden Asse hat sich ein As bildunten gedreht. Wenn
alle vier Asse bildunten liegen, wird eines davon bildoben gedreht
- augenblicklich haben sich alle anderen Asse ebenfalls bildoben
gedreht! Lee erklärte uns diesen Effekt in aller Ausführlichkeit,
so dass wirklich keine Fragen offenblieben - außer vielleicht,
wann man dieses Kunststück so vollendet wird vorführen
können wie er.
Damit war das
Seminar nach ungefähr drei Stunden (eigentlich) vorbei. Nach
dem Signieren der berühmten Tür zum Seminarraum und dem
allgemeinen Verdauen des soeben Erlebten ging Lee mit einigen Teilnehmern
aber noch in eine Kneipe, um den Abend in aller Gemütlichkeit
ausklingen zu lassen. Für diesen kleinen Kreis ging das Seminar
nun erst so richtig los: Lee zeigte uns und dem restlos begeisterten
Wirt ("Hey, guck' mal, die haben hier einen aus Las Vegas!")
noch etliche Kunststücke und erklärte sie uns ( - nicht
dem Wirt!). Wir erhielten einige interessante Informationen (Wussten
Sie zum Beispiel, dass es sich nach neuesten Erkenntnissen bei S.W.
Erdnase eben doch nicht um einen Herrn Andrews handelte?), und Lee
zeigte uns sogar exklusiv einen noch wenig bekannten, aber sehr
täuschenden Griff, den er bisher nur wenigen Zauberfreunden
anvertraut hatte. Ich möchte an dieser Stelle aber nicht zu
viel verraten - wer dabei war, wird wissen, wovon ich rede ...
So
ging um halb eins nachts das wohl denkwürdigste Seminar zu
Ende, dass ich je in Oelde erlebt habe. Lee Asher ist einer der
sympathischsten und gleichzeitig begabtesten Zauberkünstler,
denen ich bisher begegnet bin. Seine unkonventionelle, lausbübische
Art liegt vielleicht nicht jedem, aber mir ist eine solche Bodenständigkeit
allemal lieber als die Einstellung manch anderer "Kollegen".
Und so bin ich einmal mehr froh, zu einem Seminar gegangen zu sein,
das eigentlich nicht mein "Gebiet" ist, denn diejenigen
Qualitäten eines Zauberkünstlers, von denen man wirklich
etwas lernen kann, erkennt man nicht daran, mit welchen Gegenständen
er zaubert.
Frank
Ollermann
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