Zauberkünstler
sind schon ein merkwürdiges Völkchen: Da strahlt die Sonne,
und die Temperaturen bewegen sich in schwindelnden Höhen, aber
anstatt sich ins Schwimmbad oder in den Biergarten zu begeben, findet
man sich bei Robert Fislage in Oelde ein, um Joshua Jay,
den Nachwuchszauberkünstler der Zauberszene schlechtin, bei
seinem neuen Seminar zu erleben. Naja, jetzt, wo ich so drüber
nachdenke, ist es vielleicht doch gar nicht so merkwürdig ...
Joshua zeigt
ein sehr professionelles Seminar, gespickt mit sehr gut durchdachten
Routinen, die sich teils für Close Up, teils für Stand
Up eigneten.
Zunächst
zeigte Joshua uns eine sehr leicht vorzuführende Version der
"Karte in Tasche", bei der eine gewählte
Karte in die Tasche des Vorführenden wandert, sich aber zunächst
als falsche Karte herausstellt: Anstatt der Karo Zwei handelt es
sich um die Karo Zehn. Aber kein Problem: Einmal dagegen geschnippt,
schon fallen einige Karos ab, und der Vorführende hält
die richtige Karo Zwei in der Hand. Eine schöne Routine, die
sich sehr gut für "Herumlauf-Zauberei" eignet. Ich
wage allerdings zu bezweifeln, dass sich die Leute bei diesem Effekt
daran erinnern werden, dass die Karte in die Tasche gewandert war
- zu prägnant und erinnerungswürdig ist der Effekt, Karos
von einer Karte abzuschütteln.
In
einer anderen Routine werden drei chinesische Münzen
(die mit dem Loch in der Mitte) auf ein Band aufgefädelt. Eine
nach der anderen durchdringen die Münzen das Band und kommen
frei. Ebenfalls ideal für Walk Around besticht diese Routine
durch die ausgefeilte Routinenplanung. Die Effekte steigern sich
immer mehr, bis der letzte Effekt in der Hand des Zuschauers passiert.
Jay weihte uns
auch in einen seiner bekanntesten Kartengriffe ein, mit dem man
eine Karte kontrollieren oder auch forcieren kann. Ein sehr natürlich
und damit völlig unschuldig aussehdner Griff, der zudem noch
sehr leicht auszuführen ist. Das Interessante daran: Bei der
Forcierkarte kann es sich um eine mit andersfarbiger Rückseite
handeln. So lässt sich diese Methode ideal für Routinen
einsetzen, wo dies wünschenswert ist (z.B. Routinen mit einem
"Dream Card"-Effekt) und wo man sich bislang nur mit weniger
überzeugenden Umwegen behelfen musste.
Eine weitere
nette Sache mit Karten war "Side Show",
ein Effekt, bei dem der Vorführende fünf Karten vorzeigt,
die vier, drei, zwei, eine und schließlich keine Seiten hatten.
Zur Verdeutlichung zeigen die Karten anstatt Kartenwerten große
Ziffern von Eins bis Vier, wodurch dieser Effekt übrigens hervorragend
für Kinder geeignet ist, die mit den üblichen Kartenwerten
meistens nicht viel anfangen können. Wer sich jetzt fragt,
wie eine Karte ohne Seiten wohl aussehen mag, der sei an Jays hervorragendes
Buch "Zauber-Atlas"
verwiesen, in dem die meisten in diesem Seminar gezeigten Effekte
enthalten sind.
Nach der Pause
folgte ein ungewöhnlicher Programmpunkt: Jay bat das Publikum
nacheinander in zwei Gruppen in den Nebenraum, um zwei Kunststücke
zu zeigen, die für ein kleineres Publikum ideal sind. Zuerst
erschienen auf magische Weise die vier Damen bildoben
aus dem in vier Päckchen abgehobenen Kartenspiel. Anschließend
verwandelten sie sich sogar noch in Miniaturkarten! Der andere Effekt
war eine Variation von Dai Vernons Klassiker "Twisting
the Aces". In diesem Fall drehten sich allerdings
die Buben mal bildoben, mal bildunten. Diese Version war im Gegensatz
zum Original sehr viel visueller, ist dafür allerdings auf
den Gebrauch einer speziellen Trickkarte angewiesen. So ist das
eben im Leben: Man zahlt für alles einen Preis!
Diese Trickkarte
erklärte Jay uns danach in aller Ausführlichkeit. Manch
einer mag zunächst wohl gedacht haben, es handle sich heir
um einen alten Hut. Aber der "Teufel" steckt wie immer
im Detail. Jedenfalls sind mit dieser Karte wahre Wunder möglich.
Dies demonstrierte Jay in einer eindrucksvollen Serie von Poker-Effekten.
Zum
Schluss haute er aber alle Anwesenden vollends vom Hocker, indem
er nicht nur in einem, sondern in allen vier Kartenblättern
jeweils vier gleiche Karten erschienen ließ! Dies zeigte einmal
wieder, wie wichtig die Psychologie und die geschickte Routinenplanung
sind, war doch das so oft beschworene "Trickgeheimnis",
isoliert batrachtet, nachgerade eine "Frechheit". Aber
in dieser Kombination eben extrem täuschend - und darauf kommt
es schließlich nur an!
Neben Karten
und Münzen kam aber auch ein Seileffekt vor
- naja, eher eine "kleine Idee", die man in eine bereits
bestehende Seilroutine einbauen kann, vornehmlich um selbige zu
eröffnen: Der Vorführende zeigt ein (zu) kurzes Seilstück
vor und streckt es zur zigfachen Länge, so dass er nunmehr
seine Seilroutine vorführen kann. Eine nette Idee, die einem
endlich einmal eine Möglichkeit bietet, effektvoll in eine
Seilroutine einzusteigen. (Sind Sie auch von der "Seilbündel-Fraktion"?
Dann wissen Sie, was ich meine.)
Als letzten
Effekt im regulären Seminarverlauf zeigte Jay uns eine Version
der "Hanging Coins": Der Vorführende
zeigt drei Münzen vor, lässt diese nach und nach verschwinden,
um sie in die Luft zu hängen. Nach Belieben kann er die Münzen
nun wieder erscheinen lassen. Hier handelt es sich um eine "hochtechnische
" Münzenroutine, die das Maximum an visueller Wirkung
aus diesem Thema holt. Die Münzen können zwar nicht zum
Untersuchen gegeben werden, aber wer dies üblicherweise tut,
der kann nach dem Verschwinden der Münzen auch einfach aufhören
- dann gibt's auch nichts zu untersuchen! Das Verschwinden, das
Jay im Zusammenhang mit dieser Routine erklärte, kam übrigens
sehr gut an, und ich kann mir gut vorstellen, wie der eine oder
andere noch am selben Abend bis kurz vor Mitternacht vor dem Spiegel
stand, um diesen Griff einzustudieren.
Doch auch nach
dem eigentlichen Seminar machte Jay gnadenlos weiter. Höhepunkt
dieser "After-Show-Party" war ein Effekt, bei dem der
Vorführende und zwei Zuschauer sich jeweils gegenseitig einige
Karten zeigen, aus denen sich der andere jeweils eine Karte ansehen
und merken soll. Die Karten werden also nur angesehen und gedacht
- nicht gezogen, berührt oder sonst etwas. Trotzdem nennt der
Vorführende die von ihm (naja ...) und die beiden von
den Zuschauern gedachten Karten. Hier macht der Vorführende
gleichzeitig beide Zuschauer zu Eingeweihten Assistenten. Trotzdem
kann keiner der beiden hinterher sagen, wie das Ganze funktioniert
hat. Faszinierend! Und nachdem Jay uns das Geheimnis verraten hatte,
war mein erster Gedanke, wie um alles in der Welt sich jemand nur
so etwas Komplexes ausdenken kann.
Das
Seminar hat mir sehr gut gefallen. Bei Jays fast noch jugendlichem
Alter ist man natürlich schnell geneigt zu sagen: "Nicht
schlecht für sein Alter." In Wirklichkeit jedoch war Jays
Zauberei einfach nur sehr gut - unabhängig von seinem Alter.
Wenn man sich allerdings überlegt, wie lange die meisten anderen
gebraucht haben, um so gut zu werden, wie Jay es bereits ist, dann
kann man nur gespannt sein auf das, was man von diesem Künstler
noch zu sehen bekommen wird!
Frank
Ollermann |