|
Er
hatte schlichtweg ein bisschen verschlafen, der gute Gregory Wilson.
In nur gut einer Stunde war er von Braunschweig nach Oelde gefahren
- mit einer Spitzengeschwindigkeit von 240 Stundenkilometern! Na,
ob das nicht vielleicht ein wenig übertrieben war? Egal - Robert
Fislage nutzte die Zeit, um einige seiner Lieblingskunststücke
vorzuführen und feilzubieten. Wer ihn schon einmal zaubern
gesehen hat, der weiß, dass er eine eindrucksvolle und sehr
humorvolle Bühnenpersönlichkeit hat und seinen Schalk
voll ausspielt, ohne dass man ihm seine Späße auch nur
im Ansatz übel nehmen kann.
Aber bevor es
zu einem Robert-Fislage-Seminar wurde (warum aber nicht auch einmal?),
kam Gregory Wilson (ausgeschlafen!) bei Stolina Magie an. Der erste
Gag bestand schon einmal darin, dass er einige Minuten brauchte,
seine Stegreif-Effekte (!) vorzubereiten, ganz nach dem Motto: Nur
wer gut vorbereitet ist, kann wirklich spontan sein.
Aber mit nur
wenigen Minuten Verzögerung (?) ging es dann los, und zwar
mit "Something for Nothing", einer einfachen Routine,
bei der eine Münze mehrmals auf dem Handrücken erscheint.
Der Effekt ist überraschend; die Methode ist allerdings nichts
für Griffe-Fanatiker ... Die Münze wird dann in die Luft
geworfen und verwandelt sich dort in eine Riesenmünze. Diese
verschwindet dann spurlos. Letzteres wird durch Gregs "All
Around Vanish" bewerkstelligt, eine sehr überzeugende
Erweiterung für fast jeden Verschwindegriff. Sollte man sich
merken! Und wo wir schon einmal bei innovativen Griffen sind: Mit
"Pitch and Ditch" zeigt Gregory Wilson uns, wie
man aus seiner Hosentasche blitzschnell ein Topit machen kann. Verlockende
Vorstellung, nicht wahr? Mehr sei hier aber nicht verraten.
Ein Höhepunkt
aus täuschungstechnischer Sicht war auf jeden Fall Gregorys
Paradetrick "Recap" in der mittlerweile wohl zehnten
Überarbeitung. In überraschender Folge verschwindet mal
ein Stift, mal nur dessen Kappe, um mal hier, mal dort wieder aufzutauchen.
Schon klasse, was man mit einfachen Gegenständen so alles anstellen
kann, wenn man sich nur mal die Mühe macht, sich ein wenig
Gedanken zu machen. Gedanken hat Greg sich bei dieser Routine auf
jeden Fall gemacht. Die Misdirection ist fast noch stärker
als beim Becherspiel in die Effektfolge eingebaut, so dass man kaum
befürchten muss, "erwischt" zu werden.
Mit Servietten
brachte Gregory Wilson weitere alltäglichere Gegenstände
ins Spiel. Dass man damit auch den Schwammballtrick vorführen
kann, zeigte er uns mit "Sponge Napkins". Wenn
man also gerade "zufällig" nicht seine Goshman-Fluffis
dabei hat, wenn man um einen kleinen Trick gebeten wird, sollte
man sich an diese Routine erinnern. Eine sehr einfache, aber umso
effektivere Hilfstechnik dieser Routine nennt sich treffenderweie
"Pit Stop". Diesen praktischen "Griff"
hatte schon Carl Andrews in seinem
Seminar gezeigt. Worum es sich hier handeln mag, überlasse
ich mal der Findigkeit des geneigten Lesers.
Auf
die Spitze trieb es Greg mit seiner Version von Slydinis
Klassiker "Paper Balls Over the Head". Bei ihm nennt sich
das Ganze "Head Trip", und dabei fliegen nicht
nur Servietten, sondern auch gerne mal ein Kartenspiel, ein Teller
oder eine Bierflasche! Jeder, der dieses Kunststück kennt,
ist eigentlich zu bemitleiden. Wir werden nie erfahren, was das
für ein wunderbares Gefühl des Staunens für den "Geleimten"
sein muss. Aus seiner Sicht muss das ja die reinste Offenbarung
sein! Bei Greg verschwinden die Dinge aber nicht nur, sondern sie
erscheinen wieder hinter dem Ohr des Zuschauers, fast von alleine
(aber eben nur fast!).
Fingerringe
waren ein weiteres Thema des Seminars. Greg zeigte uns einige Phasen
aus "Ring Leader", seiner Fingerring-Seil-Routine,
die einige sehr täuschende Durchdringungen enthält. Als
Abschluss dieser Routine bietet sich "Ring Fright"
an: Ein Fingerring wird in die Luft geworfen und in bester "Karate-Coin-Manier"
auf dem Zeigefinger aufgefangen. Dieser Effekt wird noch einmal
wiederholt, und der Ring des Zuschauers kann sofort und ohne Austausch
zurückgegeben werden. Wer etwas mehr Mut hat, kann Gregs Idee
verwenden, den geliehenen Ring scheinbar versehentlich quer durch
den Raum zu werfen - nur, um ihn sogleich wieder auf dem Daumen
erscheinen zu lassen. Ein echter Schocker - zumindest für den
Ringbesitzer ...
Auch
mit Karten weiß Mr. Wilson umzugehen. Neben einer visuellen
Vier-Ass-Produktion war der folgende Effekt der wohl eindrucksvollste:
Zwei Zuschauer ziehen je eine Karte. Eine dritte Karte wird in die
Luft gewirbelt und kehrt im hohen Bogen zum Vorführenden zurück,
der die Karte mit dem Spiel auffängt. Die Karte bleibt genau
zwischen den beiden zuvor gewählten Karten stecken!
Gregory Wilson
gilt zu Recht als Spezialist für Stegreif-Effekte. Jeder Zauberkünstler
tut gut daran, einige solcher Routinen in sein Repertoire aufzunehmen.
Es ist einfach schöner, wenn man auf die Frage "Kannst
Du mal schnell einen Trick zeigen?" mit einem selbstbewussten
"Klar!" antworten kann, anstatt sich mit irgendwelchen
fadenscheinigen Ausreden aus der Affäre ziehen zu müssen.
Greg ist zudem ein Meister der Misdirection und nicht zuletzt ein
echt lustiger und netter Typ, der die Zuschauer mit seiner lockeren
und schlagfertigen Art sofort in seinen Bann zieht. Und wer schon
David Blaine gut fand, der sollte sich erst einmal Gregs Video "On
the Spot" zulegen. Es lohnt sich!
Bis zum nächsten
Seminar - man sieht sich!
Frank
Ollermann
|