|
Der
07. Februar 2000 begann für mich gleich mit einer besonderen
Aufgabe: Daryl hatte bei Robert Fislage angerufen und darum
gebeten, vom Hotel abgeholt zu werden. Da ließ ich mich natürlich
nicht lange bitten: Nach einigen Aufräumarbeiten im Auto fuhr
ich (mit Eva als Lotsin) zum Hotel und holte Daryl und seine Frau
Alison ab. Schon vom ersten Augenblick an merkte ich, dass
ich hier jemanden vor mir hatte, der nichts dem Zufall überließ:
Adrett gekleidet und mit einer Frisur versehen, die mit Gel und
ähnlichen Substanzen in eine perfekt symmetrische Form gebracht
worden war. "Dieser Mann macht keine halben Sachen!" dachte
ich bei mir. Mit freundlichem Lächeln wurden wir von den beiden
begrüßt, und nach dem Einladen der Koffer fuhren wir
los. Mit etwas Small Talk über das Internet, das deutsche Straßensystem
und ähnlichen Themen überbrückten wir die zehnminütige
Fahrt zurück zur Hans-Böckler-Straße. In der Zwischenzeit
hatten sich Daryl und Alison so oft für den Abholservice bedankt,
dass es mir schon fast unangenehm war.
Zunächst
wurde erst einmal der Verkaufsstand (samt Kreditkarten-"Rutsche")
aufgebaut. "Nanu - sind das etwa Michael und Hannah Ammar in
Verkleidung?" Die Parallelen waren tatsächlich verblüffend.
Die beiden ließen keinen Zweifel daran, dass sie mit dem Seminar
auch Umsatz machen wollten. Beim Anblick der vielen zum Verkauf
stehenden Artikel konnte einem schon mulmig werden - sollte das
Ganze Seminar etwa nur aus Kunststücken bestehen, die man hier
und heute kaufen musste? Für viele Kunststücke traf dies
tatsächlich zu - sie waren in der gezeigten Form nur mit Hilfsmitteln
möglich, die es ausschließlich bei Daryl zu kaufen gab.
Allerdings möchte ich vorausschicken, dass zum einen die Kunststücke
das Geld allemal wert waren, zum anderen man diese Sachen nicht
unbedingt kaufen musste, um behaupten zu können, das Seminar
habe sich gelohnt - es gab genügend Anregungen und Ideen, die
den Besuch des Seminars zu einem sehr lohnenden Ereignis machten.
Gleich
zu Beginn zeigte Daryl eine Kartenroutine, die ohne Hilfsmittel
auskam und die sowohl vom Effekt wie auch vom Prinzip her im besten
Sinne simpel war: "Presto Attracto Card": Zwei
Karten werden auf sehr faire Weise von zwei Zuschauern gezogen (bzw.
angeschaut). Die "Presto Attracto Card" findet diese beiden
Karten wieder, indem sie sich genau zwischen diesen beiden Karten
wiederfindet. Ein einfach zu verfolgender Effekt mit Methoden, die
teilweise so frech sind, dass man schon fast aufpassen muss, nicht
rot zu werden.
"Bounce
Across" ist ein wirklich verrückter Effekt, bei dem
(mit Hilfe des "Elasticity Sucking Straw of Death") die
Sprungkraft von einem Gummiball auf einen Klumpen Modelliermasse
übertragen wird, so dass man zum Schluss einen nicht springenden
Gummiball und einen springenden Klumpen Plastillin hat, die beide
ausgiebig untersucht werden können. Da rieben sich sogar einige
"Kollegen" verwundert die Augen!
Weiter
ging es mit "Fusion Illusion", einem Trickprinzip,
mit dem man verblüffende Verwandlungen bewerkstelligen kann.
Die ursprüngliche Idee stammt von Juan Tamariz, Daryl fügte
die Verwendung von Pyropapier und einer Geldbörse aus Drahtgeflecht
hinzu, um den Effekt dramatischer zu gestalten. Die Möglichkeiten
sind dabei nahezu unbegrenzt - Grund genug, sich diese Ideen zu
merken!
Es folgte
Daryls Version der Färbemesser. Hierzu benutzte er speziell
hergestellte Taschenmesser, die durch ihre Konstruktion besonders
"winkelsicher" sind. Die Routine zielt klar auf Laien
ab. Das "Exposing the Gimmick", das Daryl hier praktiziert,
ist wahrlich nichts für schwache Nerven: Zum Schluss gibt er
beide Messer zum Untersuchen ins Publikum!
Das letzte
Kunststück vor der Pause war "8 Card Brainwave"
- eine 3-Phasen-Routine, bei der die gewählte Karte jedesmal
ein anderes Rückenmuster hat als die übrigen Karten. Wer
hier Doppelbild- oder Doppelrückenkarten vermutet, der liegt
gehörig daneben. Im Gegenteil - dieses Kunststück ist
ideal dafür geeignet, alte, geplünderte Kartenspiele einer
sinnvollen Verwendung zuzuführen. Eine sauber durchdachte Routine
mit starken Effekten, die an Visualität nichts zu wünschen
übrig lassen.
In der Pause
mischte sich Daryl unter die Menge, was ihm sichtlich Spaß
machte. Auch ohne Aufforderung zeigte er einige kleine Kunststücke
oder Griffe, aber nie mit der ach so verbreiteten "Ich-zeig-Dir-mal-wie-gut-ich-bin"-Attitüde,
sondern immer aus dem deutlich spürbaren Bedürfnis heraus,
den Menschen mit unserer Kunst Freude zu bereiten. Ich hatte den
Eindruck, dass er keine Minute seines Lebens verbringen kann, ohne
zu zaubern. Der Mann ist einfach nicht zu stoppen!
Nach
der Pause zeigte Daryl "Enchanted Cube": ein völlig
durcheinandergebrachter Zauberwürfel (Rubiks Würfel) wird
in die Luft geworfen und "löst" sich von selbst -
ein Effekt, den man tatsächlich gesehen haben muss, um seine
Wirkung einschätzen zu können. Leider braucht man hierfür
einen speziell hergestellten Zauberwürfel. Dafür ist der
Effekt aber wirklich visuell und ungewöhnlich.
Vom Hunger
getrieben biss Daryl sodann ein Stück aus einem Teller heraus.
Da es
ihm nicht
sonderlich gut zu schmecken schien, fügte er das abgebissene
Teil wieder an den Teller - "Dish-A-Licious". Ein
witziger Stegreif-Effekt, den man immer zeigen kann, wenn ein gewöhnlicher
Teller in der Nähe ist.
Mit "Dicey
Dots" folgte eine kurze Routine, bei der die Punkte eines
Würfels verschwanden und auf einem kleinen Stäbchen wiedererschienen.
Ein witziger, kleiner Effekt.
Als nächstes
zeigte Daryl uns eine Routine, die auf dem Korallen- oder Perlentrick
beruht. Zwei geliehene Krawatten werden zusammen mit einem ebensolchen
Taschentuch verknotet. Zwei Ringe (Armreife o.ä.) werden aufgefädelt
und wiederum verknotet. Ein Ruck - die Ringe fallen zu Boden, und
der "Krawattenknoten" hat sich aufgelöst. Ein sehr
verblüffend( einfach)er Effekt, den man mit geliehenen Gegenständen
vorführen kann.
Zum Finale
zeigte Daryl eine "Ehrgeizige-Karte"-Routine mit
dem Knüllerabschluss "Ultimate Ambition Improved",
der ihm eine F.I.S.M.-Goldmedaille eingebracht hat. Zum Abschluss
der Routine wird das Kartenspiel mit einem Stück Seil umwickelt,
um jedwede Fingerfertigkeit auszuschließen. Die "ehrgeizige"
Karte wird von mehreren Zuschauern unterschrieben - sogar auf der
Rückseite! Die Karte wird tatsächlich in die Mitte des
Spiels gesteckt und erscheint ohne Griffe und trotz aller "Widrigkeiten"
wieder oben auf dem Spiel! Ein sagenhafter Effekt! Auch hier ist
allerdings wieder ein Gimmick "im Spiel". Wer aber die
"Ehrgeizige Karte" vorführt und einen wirklich durchschlagenden
Abschlusseffekt haben möchte, der wird beim Kauf dieses Gimmicks
sein Geld gut angelegt haben.
Nach
zwei Stunden ging ein professionelles und unterhaltsames Seminar
zu Ende. Etwas weniger Kommerz hätte dem Seminar sicherlich
gut getan, aber in den USA scheinen die Uhren diesbezüglich
wohl etwas anders zu gehen. Dennoch hat sich der Besuch aus mehreren
Gründen gelohnt:
Zum einen waren genügend Kunststücke dabei, die keinerlei
Gimmicks oder Vorbereitungen benötigen. Einige wichtige
Ideen und Anregungen waren den Besuch dieses Seminars ohnehin
allemal wert.
Zum anderen
ist Daryl ein echter Profi, der ebenso professionelle Kunststücke
vorführt und dabei stets den Effekt im Auge behält. Nur
wenige der gezeigten Routinen wären dazu geeignet, Zauberkünstler
vom Hocker zu reißen - aber genau darum sollte es eben auch
nicht gehen. Daryl ist es gelungen, sich ohne Kompromisse in die
Perspektive des Zuschauers einzudenken - mit für "Kollegen"
teilweise ungewöhnlichen Konsequenzen.
Und schließlich
ist Daryl ein echt netter Kerl, mit dem man sich ganz locker und
ungezwungen unterhalten kann, ohne befürchten zu müssen,
als Mensch oder "Kollege" nicht ernst genommen zu werden.
Dabei legt er einen so quirligen und sympathischen Humor an den
Tag, dass man - wenn er es drauf anlegt - aus dem Lachen kaum noch
herauskommt.
Frank
Ollermann
|