| Auf
diesen Künstler habe ich mich besonders gefreut: Christoph
Borer, der sympathische Schweizer Zauberkünstler, der hierzulande
vor allem als eine Hälfte des Duos Anam Cara bekannt
ist.
Im ersten Teil
des Seminars zeigte er uns vor allem Kunststücke für den Stand-Up-Bereich.
Zunächst zeigte
Christoph uns eine Version der Geldscheinwanderung.
Ein Zuschauer leiht dem Vorführenden einen Geldschein, dessen Seriennummer
notiert wird. Der Geldschein wird in einen Schein höheren Wertes
verwandelt, den der Zuschauer natürlich nicht zurückbekommt - schließlich
stimmt die Seriennummer nicht überein! Als Trost für den verloren
gegangenen Geldschein des Zuschauers führt der Zauberkünstler nun
einige Kunststücke vor, die den Zuschauer allerdings nicht über
den Verlust des Geldes hinwegtrösten können. Schließlich weist der
Vorführende auf einen Umschlag hin, der bereits seit vor Beginn
der Vorführung an der Wand klebt. Der Zuschauer selbst darf den
Umschlag von der Wand nehmen und sich davon überzeugen, dass die
Seriennummer mit der zuvor notierten übereinstimmt: Es handelt sich
tatsächlich um seinen eigenen Geldschein! Ein starker Effekt, der
mit einer mittelmäßig aufwendigen Präparation zu bewerkstelligen
ist. Christoph deutete hier schon seinen "Tick" an, dass
er Zuschauern gerne einen präparierten Gegenstand in die Hand gibt.
Eine Strategie, die sich noch einige weitere Male an diesem Abend
bewähren sollte.
Es
folgte ein weiterer Klassiker der Zauberkunst: der Bank-Night-Effekt.
Eine Zuschauerin wählt einen von vier Umschlägen aus. Wenn Sie den
einzigen Umschlag erwischt, der einen Joker enthält, gewinnt sie
10 Euro. In den anderen Umschlägen befinden sich aber immerhin noch
Trostpreise, so dass die Dame auf keinen Fall mit leeren Händen
die Bühne verlassen muss. Sie wählt also nun einen Umschlag und
erwischt doch tatsächlich den Joker. Freude bei der Zuschauerin,
Bestürzung beim Vorführenden! Das hätte wohl "etwas" anders
laufen sollen ... Nun ja, schulterzuckend und etwas ratlos überlässt
der Vorführende der Dame die zehn Euro - nicht jedoch, ohne noch
einmal zu demonstrieren, was sich als "Trostpreise" in
den anderen Umschlägen befand: ein 20-Euro-Schein, ein 50-Euro-Schein
und ein 100-Euro-Schein! Eine wunderbare Version dieses Klassikers
mit unpräparierten Umschlägen und einer überzeugenden Routine.
Mit
Cosmos zeigte Christoph uns seine Variante des
Brainwave Decks: Eine frei gewählte Spielkarte
hat als einzige eine andersfarbige Rückseite als die anderen Karten
eines Spiels. Eine brilliante Kombination aus verschiedenen Arten
von Täuschungsprinzipien macht diesen Effekt zum einen sehr klar
und stark, zum anderen aber auch sehr leicht vorzuführen. Ich freue
mich schon riesig darauf, das Ganze mal auszuprobieren …
Ein weiteres
Kartenkunststück war die Geisterschrift, bei dem
der Wert einer sehr fair aus einem Kartenspiel entnommenen Karte
auf dem Arm des Vorführenden erscheint, indem dieser Asche darauf
verreibt. Man muss sich das mal vorstellen: Ein Zuschauer bekommt
das Kartenspiel in die Hand, mischt es und hebt es mehrmals ab.
Den Wert der dann oberen Karte merkt er sich, gibt die Karte zurück
ins Spiel und mischt nochmals nach Herzenslust. Trotzdem weiß der
Vorführende zu diesem Zeitpunkt bereits mit Sicherheit, welche Karte
der Zuschauer sich gemerkt hat. Klasse, oder? Den Wert der Karte
kann man nun auf unterschiedliche Weise präsentieren. Das Ganze
lässt sich aber natürlich auch als Vorhersage- oder Gedankenlese-Experiment
vorführen.
Mit diesem Effekt
war der erste Teil des Seminars beendet. In der Pause stärkten sich
erst einmal alle mit Kaffe und leckerem Weihnachstgebäck.
In der zweiten
Hälfte des Seminars ging es dann vorwiegend um Effekte, die sich
für den Close-Up-Bereich eignen.
Es ging los
mit einem sehr mystischen Effekt über Zigeuner, Pentagramme und
Kartenleger. Ein Zuschauer wählt aus einem bildoben
ausgestreiften Kartenspiel frei eine Karte aus, die beiseite geschoben
wird. Am Schluss stellt sich heraus, dass dies die einzige Karte
ist, auf deren Rückseite ein Pentagramm gezeichnet ist. Diesen Effekt
hatte ich schon auf der letztjährigen MZvD-Zirkeltournee von Anam
Cara gesehen und war schon damals begeistert, vor allem von der
eindrücklichen Präsentation und der gelungenen Themenwahl für diesen
Effekt.
Beim nächsten
Kunststück kam eine Abwandlung des "Out to Lunch"-Prinzips
zur Anwendung. Allerdings kann man mit Christophs Methode auf Abdeckungen
jeglicher Art verzichten. Der Vorführende notiert mit einem schwarzen
Stift einige Wörter auf einem Notizblock. Der Zettel wird abgerissen
und zusammengefaltet. Mit dem Stift als Zauberstab verwandeln sich
die schwarz geschriebenen Wörter in Schriftzüge von unterschiedlicher
Farbe: von rot über grün bis hin zu orange! Natürlich lassen sich
mit dem cleveren Trickprinzip auch andere Effekte verwirklichen,
von denen Christoph einige gute Beispiele nannte.
Mit
dem Thema Las Vegas kam Christoph wieder auf das Karten zurück.
Untermalt von einer netten Geschichte macht der Vorführende mit
einigen Casinokarten eine Vorhersage, indem er sie verdeckt in eine
bestimmte Anordnung bringt. Ein Zuschauer darf ein Spiel selbst
mischen. Dann werden alle Herzkarten in der Reihenfolge aus dem
Spiel genommen, in die sie der Zuschauer durch sein Mischen gebracht
hat. Die Vorhersagekarten liegen in genau derselben Reihenfolge!
Ob Sie es glauben oder nicht: ein waschechter Selbstgänger!
Mit einigen
Runensteinen zeigte Christoph Borer, wie man einen
völlig unpräparierten Beutel als Forcierwerkzeug einsetzen kann.
Sehr eindrucksvoll, mit welch (technisch) einfachen Methoden man
wahre Wunder vollbringen kann, wenn man nur genug über die Psychologie
von Zuschauerverhalten nachdenkt. Aus einer Menge von Runensteinen
wählt eine Zuschauerin einen aus. Das darauf abgebildete Runenzeichen
stimmt mit einer Vorhersage in Form eines Halskettenanhängers überein.
Ein sehr nettes Detail ist, dass Christoph sich vor jedem Auftritt
ein für die jeweilige Zuschauerin passendes Symbol aussucht, damit
das Kunststück stimmiger und wirkungsvoller ist. Nicht nur dies
zeigt, wie sehr ihm sein gutes Verhältnis zu den Zuschauern am Herzen
liegt.
Den
effektvollen Abschluss des Seminars bildete ein Effekt, bei dem
ein Zuschauer mit Hilfe eines Pendels die Karte
findet, die ein anderer Zuschauer zuvor frei aus einem Spiel gezogen
hat. Zu meinem Glück wusste ich zum Zeitpunkt der Vorführung noch
nicht, auf welchem Trickprinzip das Kunststück basierte, so dass
ich zunächst ordentlich getäuscht wurde. (Solche Momente hat man
als Zauberkünstler ja leider nur noch selten.) Die raffinierte Verwendung
des Kartenspiels in Kombination mit wohl druchdachten und präzise
eingesetzten Denktäuschungen machen dieses Kunststück in meinen
Augen zu einem wahren Geniestreich! Wunderbar, wie der assistierende
Zuschauer selbst den magischen Moment erlebt! Klasse!
Hach, was war
das wieder schön! Viel zu lange saß ich nicht mehr bei einem Stolina-Seminar
im Publikum. Die letzten drei Seminare habe ich leider überhaupt
nicht in meinen Zeitplan bekommen, und davor saß ich ja meistens
mit auf der Bühne und habe übersetzt. Das letzte Mal im Publikum
gesessen habe ich vor drei Jahren! Wie habe ich das nur so lange
ausgehalten? Wie dem auch sei - mit Christoph Borer als "Wiedereinstieg"
konnte ja nun auch rein gar nichts schiefgehen. Ein Künstler, der
sich in Bezug auf seine Zauberkunst ganz offensichtlich die richtigen
Fragen stellt und vor allem so gründlich über sie nachdenkt, dass
er zu genau den richtigen Antworten kommt!
Mit
seiner äußerst sympathischen Art hat Christoph Borer es zudem geschafft,
eine sehr angenehme und entspannte Stimmung zu erzeugen. Seine Erklärungen
waren präzise und verständlich, und manchmal waren die "Outs"
sogar täuschender als die eigentlich geplanten Trickabläufe. Zwischendurch
erzählte Christoph mit dem ihm eigenen, feinsinnigen Humor auch
immer wieder lustige Episoden aus seiner Vorführerfahrung, so dass
es auch immer viel zu lachen gab.
Kurzum: Ich
freue mich schon auf das nächste Seminar und würde mich
sehr freuen, Sie, verehrter Leser, dort (wieder) begrüßen
zu dürfen!
Frank
Ollermann |