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Der Chef und
Wirt des Hotels war zwar schwer beeindruckt, als ich ihm sagte,
ich solle einen amerikanischen Zauberkünstler zum Seminar abholen;
sein erster Satz war jedoch: "Da sind Sie hier falsch. Wir
haben keinen Zauberer." Zum Glück aber wusste seine Frau
Bescheid, und kurz darauf kamen Carl Andrews und seine Frau
Joanie die Treppe herunter. Mit etwas Small Talk verkürzten
wir die ohnehin schon kurze Fahrt in die Hans-Böckler-Straße
zu Robert Fislage, und nachdem ich "im Schweiße meiner
Füße" Carls extrem schweren Koffer aus dem Kofferraum
unseres alten Golfs gewuchtet hatte, konnte es auch schon bald losgehen.
Carl Andrews
ist professioneller Restaurantzauberer aus Hawaii. Er verdient seinen
Lebensunterhalt ausschließlich mit dem Table Hopping in Restaurants
und den sich daraus ergebenden privaten Auftritten. Alle gezeigten
Kunststücke lassen sich "aus der Tasche heraus" vorführen,
ohne dass man einen Koffer oder auch nur ein Köfferchen mit
sich herumtragen müsste. Die Effekte sind dabei auf das Wesentliche
beschränkt und daher wohltuend leicht nachzuvollziehen.
Wie
zum Beispiel Carls Schwammballroutine "Ain't No Mo",
die hauptsächlich auf Ideen des Altmeisters Albert Goshman
beruht. Besonders gelungen fand ich den Vortrag, der einige witzige
Wortspiele enthielt, die man aber leider nicht übersetzen konnte.
Insgesamt eine wohldurchdachte, "runde" Routine, die alles
bot, was man von einer guten Schwammballroutine erwartet. Nicht
umsonst (so auch Carls Erfahrung) zählt der Schwammballtrick
zu den stärksten Close-Up-Effekten, die man für Laien
zeigen kann.
Auch "You
Don't Know Jack" strotzte vor Wortspielen, die aber wiederum
nur für Amerikaner witzig sind. Es handelt sich hier um eine
Version von Michael Closes "The Frog Prince" (zu sehen
auf Band
3 der Serie "Very Very Close"). Carl versuchte, aus
der Originalroutine einen Nicht-Kartentrick zu machen, indem er
sich hauptsächlich auf die Geschichte konzentriert und außerdem
das Kartenspiel weglässt, so dass der reine Effekt übrigbleibt.
(Klicken Sie hier, um sich eine
Faltanleitung für einen Origami-Frosch anzusehen.)
"Déjà
Vu" ist eine ausgeklügelte Kartenroutine mit einem
geschliffenen Vortrag und einer sehr starker Wirkung. Ein Zuschauer
unterschreibt eine Karte aus einem blauen Kartenspiel. Das
Spiel wird dann in bester "Triumph"-Manier bildoben/bildunten
gemischt. Mit einer magischen Geste ist das gesamte Spiel wieder
bildunten, mit Ausnahme der Zuschauerkarte. Soweit dürfte der
Effekt den meisten bekannt sein. Nun folgt jedoch der absolute Hammer:
Die ganze Zeit über lag eine große Briefklammer auf dem
Tisch, in die eine Karte mit rotem Rücken geklemmt war.
Der Vorführende nimmt die Karte heraus und faltet sie auf.
Es handelt sich um die vom Zuschauer gewählte, unterschriebene
Karte!
Neben Schwammbällen
und Karten durften natürlich auch Münzen nicht fehlen.
Carl zeigte uns den "2 Coin Trick", eine Version
des Effektes "Hopping Half" ohne Trickmünzen. Der
Vorteil liegt buchstäblich auf der Hand. Zum Effekt: Eine Kupfermünze
und eine Silbermünze werden in die Hand gegeben. Die Silbermünze
wird in die Tasche gegeben, erscheint aber sofort wieder bei der
Kupfermünze in der Hand. Dieser Vorgang wiederholt sich noch
einmal. Zum Schluss gibt der Zauberkünstler zur Abwechslung
die Kupfermünze in die Tasche. Daraufhin ist die Silbermünze
in der Hand verschwunden; beide Hände sind leer. Das Interessante
an dieser Routine ist, so Carl Andrews, dass die Zuschauer beim
Schlusseffekt den Eindruck haben, man hätte beide Münzen
verschwinden lassen, obwohl man die eine ganz offen in die Tasche
gegeben hat. Dazu fällt mir ein Satz aus Pit Hartlings "Kleinem
Grünen Heft" ein: "Schon klasse, so ein Gehirn!"
Auch Würfel
lassen sich leicht in der Hosentasche verstauen, und so hat auch
eine Würfelroutine den Weg in Carls Repertoire gefunden. Mit
nur einem einzigen Griff hat uns Carl bestens unterhalten, dank
der gut geplanten Abfolge von Effekten und dem hinreißenden
Vortrag. Bei dem Effekt "Pair O' Dice" geht es
um die "Vierzehner-Regel", nach der die Punkte auf den
Vorder- und Rückseiten zweier Würfel zusammen immer den
Wert 14 ergeben müssen. Diese Regel stellte Carl nun in immer
stärker werdenden Effekten nach und nach auf den Kopf. Was
man mit zwei Würfeln nicht alles machen kann!
Mit "Blackjack"
zeigte Carl, wie man mit Hilfe eines Blackjack-Blattes eine Zuschauerkarte
finden kann. Der Effekt ist wohl aber nur dann so richtig gut, wenn
man regelmäßig Blackjack spielt. Für mich war dies
jedenfalls der schwächste Trick des Seminars.
Deswegen
gleich weiter zu "B. S. 101". Hier gibt
es für "ganz schlaue" Zuschauer ordentlich was zu
Staunen. Der Vorführende findet die Karte eines Zuschauers.
So weit, so gut. Der Vorführende erklärt nun scheinbar,
wie das Kunststück funktioniert ... und bringt damit alle zum
Verstummen, die hinterher immer alles schon vorher gewusst haben
wollen. Krönung des Kunststücks ist der Hot Shot Cut,
den Carl allen Interessierten nach dem Seminar noch einmal mit der
gebührenden Geduld beibrachte.
Als letztes
Kunststück sei hier "Amazing" genannt. (Die
Reihenfolge der hier beschreibenen Kunststücke entspricht übrigens
nicht der im Seminar, und ich bin mir noch nicht einmal sicher,
ob ich mich an alle gezeigten Kunststücke erinnere.) Zwei Zuschauer
sehen sich jeweils eine Karte im Spiel an. Die erste Karte ermittelt
der Zauberkünstler durch Gedankenlesen. Beim zweiten Zuschauer
findet der Vorführende zunächst scheinbar eine falsche
Karte, die er dem Zuschauer auf die Hand legt. Nach einigem Hin
und Her verwandelt diese Karte sich jedoch zum Schluss in die Karte
des zweiten Zuschauers. Am interessantesten an dieser Routine fand
ich, dass Zauberkünstler über den zweiten Effekt wohl
nur milde lächeln würden, auf den ersten Effekt jedoch
ganz scharf sind, während für Laien diese Abfolge genau
entgegengesetzt wirkt. Für sie bedeutet diese Reihenfolge eine
eindeutige Steigerung.
Neben den reinen
Trickerklärungen gab Carl aber auch wertvolle Tipps, wie man
von der Restaurantzauberei leben kann und was man dabei beachten
muss. Ganz offen sprach er dabei auch von seinen Stundenlöhnen
- ganz anders, als so einige "Zampanos", die immer mit
irgendwelchen Fantasie-Gagen protzen wollen und dabei letztlich
doch nur unkonkret herumdrucksen. (Ach, Sie kennen diese Spezies
auch?!) Carls grundlegendeer Ansatz der Restaurantzauberei war mir
neu und erschien mir auf Anhieb sympathisch. Er löst viele
Probleme, die sich aus dieser Perspektive zum großen Teil
als Scheinprobleme herausstellen, z.B. die Frage danach, wie man
sich an einem Tisch als Zauberkünstler etabliert, wie man die
Gäste für sich gewinnt und ähnliche "klassische"
Table-Hopping-Probleme.
Ich
habe schon einige Seminare als professionell bezeichnet. Ich möchte
mich eigentlich nur ungern wiederholen, aber auch dieses Seminar
war wieder sehr professionell. Man merkte Carl Andrews an, dass
er die gezeigten Routinen schon jahrelang vorführt. Er hat
eine unglaubliche Sicherheit erlangt und hat jederzeit Kontrolle
über das Publikum und den Ablauf des Kunststücks. Gleichzeitig
gibt er den Zuschauern nie das Gefühl, hinters Licht geführt
worden zu sein. Durch seine angenehm zurückhaltende, aber dennoch
sehr unterhaltsame Art verschafft er seinen Zuschauern ein paar
Minuten verblüffende Unterhaltung. Wer die Möglichkeit
hat, Carl Andrews einmal zu sehen, der sollte nicht zögern,
sich von seiner Professionalität zu überzeugen.
Frank
Ollermann
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