Am 22. Januar war er mit seinem Seminar bei Stolina
Magie zu Gast. Es soll sogar Gäste gegeben haben, die es gar
nicht abwarten konnten und schon am Vortag auf der Matte standen
...
Es begann mit einem Ausschnitt aus seiner
FISM-Nummer von 1997, mit der er den zweiten Platz in der
Kategorie Kartenkunst gewonnen hat. Boris produziert Karten aus
einem Spiel, deren Rückseiten sich fortwährend färben,
bis zum Schluss alle Karten eine andersfarbige Rückseite haben.
Flott, aber elegant vorgetragen zur passenden Musik - mit hervorragendem
Timing! Später im Seminar erklärte Boris den "Kiss-Count",
der dieser Routine zugrunde liegt und der gegenüber dem Elsmley-
oder Rumba-Count einige Vorteile hat.
Dann zeigte Boris uns einige Kartenkunststücke,
die, wie es die Ankündigung versprochen hatte, tatsächlich
wie wahre Wunder wirkten.
Zunächst verblüffte er die Anwesenden
mit einer Version von Dai Vernons "Trick that Cannot
be Explained". Der Vorführende macht eine Vorhersage,
die er verdeckt auf dem Tisch ablegt. Aus einem Kartenspiel ermittelt
eine Zuschauerin eine Karte. Und diese stimmt mit der Vorhersage
überein! Eine clevere Kombination mehrere Trickprinzipien macht
diese Variante besonders täuschend.
Ein etwas komplexeres Geschehen bot Boris' Version
des Klassikers "Any Card at Any Number":
Ein Zuschauer bekommt ein Kartenspiel ausgehändigt, das er
für einen Moment verwahren soll. Ein zweiter Zuschauer nennt
nun irgendeine Zahl. Ein dritter Zuschauer zieht schließlich
aus einem zweiten Kartenspiel eine Karte. Der erst Zuschauer holt
nun das ihm überlassene Kartenspiel wieder hervor und zählt
entsprechend der freien Wahl des zweiten Zuschauers Karten auf den
Tisch ab, bis er zur gewählten Zahl kommt. Wird die Karte umgedreht,
ist es genau die gleiche Karte wie die des dritten Zuschauers! Da
die Trickhandlung im Grunde nicht sehr einfach zu verfolgen ist,
hat Boris Wild sich große Mühe gegeben, den Effekt so
klar wie möglich zu inszenieren - und es ist ihm gelungen!
Im Zusammenhang mit dieser Routine erklärte uns Boris sein
"Instant Memorized Deck", ein Legesystem,
das man sich sehr schnell aneignen kann. Entgegen dem sehr optimistsichen
Titel braucht man allerdings doch wohl einige Zeit, um das System
wirklich sicher zu beherrschen.
Ein
ganz besonders romantisches Kunststück folgte: Eine Zuschauerin
nennt ihre Glückskarte. Der Vorführende fächert die
Karten mit der Bildseite zur Zuschauerin auf. Die Zuschauerin soll
sich nichts anmerken lassen, wenn sie ihre Karte sieht. Aber sie
soll eine starke Emotion in sich aufbauen. Diese Emotion will der
Vorführende dann spüren und so die Karte finden. Nach
und nach lässt der Zauberkünstler Karten zu Boden fallen,
bis er nur noch eine Karte in der Hand hält: die Karte der
Zuschauerin! Was sich hier ziemlich trocken liest, war für
mich das eindrucksvollste Kunststück des gesamten Seminars.
Boris Wild versteht es außerordentlich gut, eine ernste und
romantische Stimmung aufzubauen und dem an sich simplen Geschehen
eine dramatische Tiefe zu verleihen, wie man sie von "Kartentricks"
sonst kaum kennt.
Zwischendurch zeigte Boris uns ein Kunststück,
das bei Zauberkollegen wohl nur müdes Lächeln hervorruft,
für Zuschauer jedoch unheimlich stark wirkt. Zwei Zuschauer
ziehen jeweils eine Karte aus dem Spiel. Der Vorführende merkt
sich in Windeseile alle noch verbliebenen Karten des Restspiels
und ermittelt so, welche Karten dem Spiel entnommen wurden. Selbst
Berufskartenspieler wurden hiervon schon getäuscht.
Mit
dem "Bikini-Deck" zeigte Boris ein Kunststück
mit einem "etwas" anderen Thema. Die Karten dieses Spiels
tragen die Fotos von, sagen wir mal, gut aussehenden jungen Damen
in Badebekleidung. Diese treten zur Wahl der "Miss Bikini"
an. Nach und nach scheiden Damen aus dem Wettbewerb aus, bis nur
noch eine einzige auf dem Podest stehen bleibt. Und der Name dieser
frisch gekürte Schönheitsköngigin stimmt mit einer
zu Beginn des Kunststücks deponierten Vorhersage überein!
Das speziell angefertigte Kartenspiel vereint mehrere Prinzipien
in sich, mit denen eine Vielzahl unterschiedlicher Effekte möglich
sind. Wer, wie Boris Wild, sorgsam mit dem potenziell heiklen Vortragsthema
umgeht, kann hiermit sehr eindrückliche Kunststücke zeigen.
Zum Abschluss zeigte Boris uns "Very
Wild", einen kurzen, visuellen und sehr starken Karteneffekt,
bei dem sich vier beliebige Karten in die vier Asse verwandeln.
Die Erklärung ... gab's zu kaufen! Na ja, von irgendwas muss
der Gute ja schließlich leben. Wer sich für diesen Effekt
interessierte, konnte die Erklärung inklusive der speziellen
Karten zu einem angemessenen Preis bei ihm erstehen.
Auf
das Prinzip von Boris' markiertem Spiel möchte ich hier im
Detail natürlich nicht eingehen - Interessierte können
es seinem hervorragendem Buch ZauberWunder
entnehmen. Nur so viel: Ich halte es für das beste System,
das es derzeit gibt. Ist das System von Ted Lesley schon sehr gut,
so setzt Boris Wild dem Ganzen noch die eine oder andere entscheidende
Krone auf. Dadurch lassen sich die Karten zum Beispiel auch dann
erkennen, wenn sie sich (noch) im Kartenband oder -fächer befinden,
und zwar schneller als von der Vorderseite! Boris zog alle didaktischen
Register, um sein System zu erläutern: Mit Hilfe seines Notebooks
und ein paar Gags erklärte er es so gut, dass man es praktisch
nicht vergessen konnte. Die sympathische und bescheidene Art von
Boris Wild tat ihr Übriges dazu, dass sich dieses Seminar,
nicht nur für Kartenfreaks, wieder gehörig gelohnt hat.
Das nächste Seminar mit Aaron Fisher
am 25.2. behandelt übrigens wieder die Kartenkunst. Ich hoffe,
wir sehen uns wieder!
Frank Ollermann